November 9, 2008

Kiss me before my shang shing – Fundstücke Teil 1

Wenn ich so durch die Straßen von Taipei laufe, fallen mir manchmal Sachen auf, die muss ich einfach mit anderen teilen. Hier also eine erste Auswahl:

Kiss me before my shang shing

Kiss me before my shing shang!

Was uns diese Aufforderung wohl sagen will … ?

Milk

Milk

Ein Pulli für die stillende Mutti?

Suckme

Suckme

Ob unsere Claudia wohl davon weiß?

Ohne Worte

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Auf einem Nachthemd von NET :o )

Fortsetzung folgt bestimmt …


November 8, 2008

阿扁下台! — 馬英九下台!

Nicht mal zwei Jahre ist es her, dass die Menschen überall in Taiwan – besonders in Taipei – mit roten T-Shirts bekleidet durch die Straßen liefen und öffentliche Plätze besetzten, um ihrer Forderung 阿扁下台! (Chen, tritt zurück!) Nachdruck zu verleihen.

Damals demonstrierten vor allem Studenten und angehörige der (chinesischstämmigen) Mittelschicht gegen die korrupte DPP-Regierung – allen voran Chen Shui-bian – und deren Unabhängigkeitsbestrebungen, die viele Taiwanesen als Hauptgrund für den wirtschaftlichen Abschwung in Taiwan verantwortlich machten.

Mit der KMT wird alles besser! Diese Hoffnung brachte der Partei mit Ma Ying-jiu als Präsidentschaftskandidaten im März dieses Jahres den Sieg und führte nach acht Jahren DPP zu einem Regierungswechsel in Taiwan.

Ma Ying-jiu versprach die unter der DPP zunehmend angespannten Beziehungen zum Festland wieder zu entspannen und die Wirtschaftsbeziehungen zur „anderen“ Seite der Taiwan-Straße zu intensivieren. Zu seinen wichtigsten Wahlversprechen gehörten die langgeplante Einführung von Direktflügen (seit Anfang der 90er Jahre geplant und nun endlich umgesetzt) sowie die Reduzierung (Aufhebung) von Investitionsbeschränkungen für taiwanesische Firmen auf dem Festland.

Was Ma Ying-jiu damals zum Sieg verhalf, führt die Regierung nun in die Krise. Die weltweite Finanzkrise geht auch an Taiwan nicht spurlos vorrüber und, wie auch bei uns daheim, wird auch hier alles teurer: Benzin, Lebensmittel, Strom, Gas usw. Das ist natürlich nicht Mas schuld, aber für viele Taiwanesen stehen die Preiserhöhungen in direktem Zusammenhang mit dessen chinafreundlicher Politik.

Viele Taiwanesen fürchten den „Verkauf“ Taiwans an China. Diese Angst nutzt die DPP geschickt und organisiert bereits seit Wochen Kundgebungen, auf denen der Rücktritt von Präsident Ma aus genau diesem Grund gefordert wird. Bisheriger Höhepunkt ist die „Yellow ribbon siege“ (黃絲帶行動) anlässlich des Besuchs von Chen Yun-lin, Vorsitzender der Association for Relations Across the Taiwan Straits (ARATS), der Organisation, die auf chinesischer Seite für die Verhandlung über die Taiwan-Beziehungen verantwortlich ist.

Am Donnerstag (6. November 08) zogen die mit gelben Schärpen „bewaffneten“ Gegner Ma Ying-jius Politik angeführt von der Vorsitzenden der DPP, Cai Ying-wen (蔡英文) vom Legislative Yuan zum Taipei Guest House an der ZhongShan South Road und wieder zurück durch die LinSen South Road, RenAi Road, Xinyi Road und Hangzhou South Road. Ziel war dabei, den Regierungsbezirk von Taipei zu belagern (圍城計畫).

Ich persönlich kann beide Seiten sehr gut verstehen: Auf der einen Seite stehen die Unterstützer Ma Ying-jius mit ihrer Angst, sich durch zu starke Forderungen nach Selbständigkeit international zu isolieren, wirtschaftlich vom viel mächtigeren China abgehängt zu werden; auf der anderen Seite stehen dessen Gegner, sie fürchten um den „Verkauf“ ihres Landes an das dikatorische China, einhergehend mit dem Ende der lang und hart erkämpften Demokratie und der Aufgabe der eigenen taiwanesischen Identität.

Selbstverständlich wäre eine Unabhängigkeitserklärung Taiwans auch für China nicht folgenlos: Experten fürchten hier vor allem den Domino-Effekt, die schlagartige Ausbreitung von Seperationsbewungen auf andere Teile Chinas, wie Tibet, Xinjiang usw.

Letztendlich bin ich allerdings davon überzeugt, dass sich Taiwan mit einer strikten Anti-China-Haltung mehr schadet als nutzt: China ist für Taiwan – zumindest wirtschaftlich – deutlich wichtiger als Taiwan für China. Die Wirtschaften beider Länder sind so eng miteinander verknüpft, dass ein plötzlicher Abbruch der Beziehungen Taiwan in eine schwere Krise stürzen würde.

November 4, 2008

Bewegt sich der Berg nicht, bewegt sich die Straße

… bewegt sich die Straße nicht, bewegt sich der Mensch; bewegt sich der Mensch nicht, bewegt sich das Herz.


Das ist das Motto einer Anti-Selbstmord-Kampagne in Taiwan. Jeden Tag, wenn ich von der Uni nach Hause fahre, steige in an der MRT-Station Shandao Temple in die Bahn Richtung Kunyang, und genau dort hängt das Plakat mit obigem Text sowie dem Zusatz: „Denk noch zwei Minuten nach – du musst dich nicht umbringen!“

Das tägliche Warten direkt vor dieser Anzeige hat mich nachdenklich gemacht und für dieses Thema sensibilisiert. Mir ist schon früher aufgefallen, dass Taiwanesen scheinbar lockerer über Selbstmord sprechen als Deutsche und ihn auch häufiger offen als „Lösung“ für Probleme in Betracht ziehen.

Schon im ersten Monat in Taiwan kam meine Lehrerin während des Chinesischunterrichts – ich hatte Einzelunterricht – auf ihre derzeitige Lebenssituation zu sprechen und meinte dann ganz beiläufig, wenn sie das alles nicht geregelt kriegt, könne sie sich immer noch umbringen. Ich war total sprachlos. Ihr lapidarer Kommentar: „Ja, ja, wir sind hier keine Christen, wir dürfen uns umbringen!“ Und fuhr dann einfach fort: „Weißt du, welche Selbstmordmethode in Taiwan besonders beliebt ist?“ Ich wusste es natürlich nicht.

Die Antwort: Grillkohle. Und warum ist die Methode so beliebt? Weil die Leichen später so schön aussehen: Die Körper sind völlig intakt, das Gesicht ist entspannt – nicht durch den Todeskampf entstellt – und die Wangen sind leicht gerötet. Man möchte schließlich nicht hässlich aufgefunden werden.

Diese „rationale“ Einstellung zusammen mit den öffentlich geförderten Anti-Selbstmord-Kampagnen, die die Menschen im Alltag aufrütteln sollen, drängten mich dann doch dazu, einigen Fragen nachzugehen: Wie hoch ist Selbstmordrate in Taiwan wirklich? Und warum bringen sich Taiwanesen um?

Ich hab dann mal ein bisschen im Internet recherchiert und hier kommen meine Ergebnisse: Aus einem Artikel der Taiwan News vom 12. September 2008 geht hervor, dass das die Selbstmordrate Taiwans seit 10 Jahren stetig ansteigt und im Jahr 2007 bei 17.2 Selbstmorden unter 100.000 Einwohnern lag (Quelle: DOH); zum Vergleich: In Deutschland nahmen sich 2006 ca. 11,87 Menschen/100.000 Einwohnern das Leben.

Zwar gab es 2007 eine leichte Erholung gegenüber 2006 und es brachten sich rund 450 Menschen weniger um als im Vorjahr, trotzdem entschieden sich letztes Jahr in Taiwan noch insgesamt 3.933 Menschen vorzeitig aus dem Leben zu treten. 3.933 Selbsmorde innerhalb eines Jahres: Das ist in etwa 1 Selbstmord alle zwei Stunden oder 10,7 Selbstmorde pro Tag. Besonders betroffen sind dabei alte Menschen und Jugendliche (15-24 Jahre). Unter letzteren ist die Selbstmordrate trotz allgemeiner Erholung sogar weiter angestiegen. Erschreckend ist vor allem, dass sich unter den Selbstmördern 2007 auch fünf Kinder zwischen 10 und 14 Jahren befanden.

Als Gründe für die Selbstmorde nennt die Taipei Times (2. Juli 2006) in erster Linie Arbeitslosigkeit, aber auch soziale Isolation, Arbeitsbelastung, Depressionen und das Fehlen von Auffangnetzwerken für Selbstmordgefährdete (Quelle: DOH). Gerade an letzterem will die Regierung jetzt arbeiten.

Insgesamt gesehen eine schreckliche Bilanz und die derzeitige Finanzkrise, die mittlerweile auch Taiwan erreich hat, wird sicher noch das ihrige Tun, um weitere Menschen in den Tod zu schicken …

Nach solchen Zahlen sieht man die allgemeine Heiterkeit und Freundlichkeit der Taiwanesen irgendwie mit ganz anderen Augen und fragt sich: Welche Tragödien verbergen die Leute wohl hinter ihrem steten Lächeln?

November 3, 2008

Ein Nachmittag auf der ITF

… oder sich einmal wie eine Sardine fühlen …

Ich liebe Messen. Für mich gibt es kaum etwas interessanteres als sich in einer riesigen Messehalle von Stand zu Stand zu schieben und sich allerlei ungewöhnliche Maschinen, exotisches Essen, witzige Klamotten oder sonstigen Krempel anzuschauen, den meistens ohnehin kein Mensch braucht.

Eine besondere Erfahrung ist für mich jedes Jahr wieder die Internationale Tourismusmesse (ITF) in Taipei.  Zwar kommt man aufgrund der Massen kaum von einem Fleck zum anderen – der Gang zur Toilette kann da schon mal ne gefühlte Stunde in Anspruch nehmen – dafür wird einem aber auch wirklich alles geboten, was zu einem guten Messebesuch dazu gehört: Jungs und Mädchen in witziger, meist heimattypischer Aufmachung, jede Menge Essen, Bier aus Tschien, Kaffee aus Guatemala, Red Bull aus Österreich, Waffeln und Ahornsirup aus Kanada und und und. Dazu natürlich laute Musik, jeder Stand spielt was anderes und so entsteht die schönste Kirmisatmosphäre. Zu guter Letzt gibt es natürlich Werbematerial und Geschenke in allen Variationen: Wasserbälle, T-Shirts, Reisen, Spiele und was das Herz sonst noch begehrt.

Auch dieses Jahr war der Besuch auf der ITF wieder ein voller Erfolg für mich. Ich hab mich fleißig von Stand zu Stand gefuttert und getrunken und dabei noch jede Menge kleinerer und größerer Souveniers eingeheimst.

November 2, 2008

Lost & Found

Oft erinnert man sich erst in Situationen größter Panik wieder daran, wie schön es ist in Taiwan zu leben. Ich hatte so eine Situation kürzlich:

Wie üblich war ich mit meiner Freundin nach der Uni zum Mittagessen verabredet. Ich also raus aus dem Klassenzimmer und schnell zum Bus, der mich von meinem Campus direkt und gratis nach Gongguan zum Hauptcampus bringt. Leider schon zu spät, der 12:15 Uhr-Bus biegt grade um die Kurve und ist schon weg.

Kein Problem, denke ich mir, und setze mich auf eine der Bänke, nehme mein Buch raus und warte auf den 12:25 Uhr-Bus. Der trifft wenige Minuten später ein und ich sprinnte hin.

Gemächlich schiebt sich der Bus durch die fast leeren Straßen bis nach Gongguan und keine halbe Stunde später sitzen meine Freundin und ich bereits im Restaurant und machens uns gemütlich – bis es ans bezahlen geht: Ich mache meine Tasche auf und greife blind an die Stelle, an der normalerweise mein Portemonnaie steckt … und greife ins Leere. Panik!!! Ich reisse die Tasche auf, wühle mich bis auf den Taschenboden durch … nichts! Ich drehe die Tasche um und schütte den gesamten Inhalt auf den Tisch … nichts! Sch…e, denke ich, meine ARC, Kreditkarten, Bankkarten, Geld … alles weg!!!

Mein erster Weg führt zu meiner Freundin nach Hause: Kreditkarten sperren lassen. Dann beginnt die Suche. Zuerst zum Hauptcampus, bisher wurde keine Geldbörse gefunden, dafür wird mein Verlust schriftlich registriert. Dann zum 7-11, wo ich in der Früh meinen Kaffee gekauft habe. Die Verkäuferinnen sind sehr nett, erinnern sich sogar an mich, können mir aber auch nicht helfen. Letzte Station: Mein Campus.

Mittlerweile ist es schon nach 15 Uhr. Fast drei Stunden sind vergangen, seit ich nach dem Unterricht mit dem Shuttle-Bus den Campus verlassen habe. Völlig entmutigt und in Gedanken schon durchgehend, in welcher Reihenfolge ich die verlorenen Gegenstände erneut beantragen muss, gehe ich zu den Bänken, wo ich zu Mittag lesend auf den Bus gewartet habe. Und da wird das Wunder schon Wirklichkeit: Mitten im Gras, für jeden deutlich sichtbar, liegt mein PINKES Portemonnaie! Ich kann mein Glück kaum fassen, beginne zu rennen und endlich halte ich meinen Schatz wieder in den Händen!!!!


Ich hebe die Geldbörse auf, schaue hinein und was fehlt? Nichts! Alles ist noch an seinem Platz und das nach drei Stunden auf dem Campus – unglaublich!!! In solchen Momenten bin ich überglücklich in einem Land wie Taiwan zu leben, denn ich bin überzeugt, in Deutschland wäre mein Portemonnaie innerhalb von Sekunden wie vom Erdboden verschluckt gewesen und ich hätte höchstens noch die unbrauchbaren Überreste in irgendeinem Mülleimer in der Nähe gefunden …

September 17, 2008

“North American accent prefered”

Englischlehrer ist DER Beruf für Ausländer in Taiwan, das habe ich eigentlich schon ziemlich am Anfang meines Aufenthaltes hier bemerkt. Nicht nur, dass jeder zweite Ausländer auf die Frage, was er denn in Taiwan so mache, antwortet: „Englisch unterrichten, natürlich!“ Auch der überwiegende Teil der Taiwanesen nimmt beim Anblick eines (weißen) Ausländers automatisch an, einen Englischlehrer vor sich zu haben.

Dass dies so ist, liegt sicher in erster Linie an dem unglaublich hohen Bedarf an muttersprachlichen Englischlehrkräften: Alle Eltern wünschen sich möglichst großen beruflichen Erfolg für ihre Kinder und dafür sehen die meisten Asiaten – so auch die Taiwanesen – sehr gute, am besten muttersprachliche, Englischkenntnisse als wichtigste Voraussetzung. Ein sehr großer Teil der Kinder geht daher bereits vor der Grundschule entweder in einen bilingualen Kindergarten oder nimmt anderweitig Englischunterricht.

Darüber, wie hoch der Bedarf wirklich ist, kann man sich leicht einen Überblick verschaffen, wenn man die Jobangebote der einschlägigen Websites (insb. Tealit.com) oder englischsprachigen Zeitungen überfliegt. Ein Satz, der den durchschnittlichen Europäer mit seiner Vorliebe fürs „British English“ eventuell anfangs irritiert (oder belustigt), ist „North American accent prefered“. Für die meisten Taiwanesen, ist nämlich nur Amerikanisch „richtiges“ Englisch und so suchen auch die Sprachschulen gezielt nach Amerikanern.

Noch anschaulicher kann man sich die Situation mit einem Blick hinter den Hauptbahnhof von Taipei vor Augen führen. Dort wimmelt es geradezu von Nachhilfeschulen, die Englischkurse für jede Altersklasse anbieten. Um sich in diesem Konkurrenzkampf durchsetzen zu können, stellen die Schulen dann noch an jede Ecke junge Leute, die einem Flugblätter mit den neuesten Angeboten für Englischunterricht und die dazugehörigen Prüfungen wie TOEFL, TOEIC, GMAT, GRE und wie sie sonst noch so alle heißen, in die Hand drücken.

Um den hohen Bedarf zu stillen, wurden die Voraussetzungen für ausländische Lehrer in Taiwan entsprechend angepasst: Als englischer Muttersprachler, heißt man kann die Staatsangehörigkeit eines englischsprachigen Landes nachweisen, braucht man von staatlicher Seite her eigentlich nur einen Bachelor (oder gleichwertigen) Abschluss und schon kann die Jobsuche losgehen. Eine Lehrerausbildung (Teaching-Certificate) ist meist nicht erforderlich.

Diese Einfachheit, begleitet von den relativ guten Verdienstmöglichkeiten – Taiwanesen geben für kaum etwas soviel Geld aus wie für die Ausbildung ihrer Kinder – hat über die Jahre geradezu zu einer Schwemme von Englischlehrern geführt, die außer muttersprachlichem Englisch eigentlich keinerlei Voraussetzungen für den Lehrerberuf mitbrachten. Doch auch damit war der Markt nicht zu sättigen, sodass neben Englischmuttersprachlern auch immer mehr Nichtmuttersprachler illegal auf den Mark drängten.

Unter Ausländern in Taiwan ist mittlerweile allgemein bekannt, wer amerikanisch aussieht – das heißt in Taiwan: wer weiß ist – findet immer einen Job als Englischlehrer, auch wenn er sonst keinerlei Qualifikationen nachweisen kann. Darunter leidet natürlich nicht nur die Qualität des Englischunterrichts, aber auch der Ruf, der in Taiwan lebenden Ausländer allgemein. Immer häufiger hört man gerade von taiwanesischen Gesprächspartnern, es kämen ja nur Ausländer nach Taiwan, die es im eigenen Land zu nichts bringen würden und hier wirft man ihnen das Geld nach.

Doch langsam ändert sich die Situation: Der Markt wird enger und damit steigen auch die Anforderungen. Vor allem Sprachschulen in Taipei können unter den vorhandenen Bewerbern frei wählen und so haben es geringqualifizierte Arbeitsuchende immer schwerer. Auch liest man nun häufiger, dass eine Lehrerausbildung und entsprechende Berufserfahrung nicht mehr nur ein Bonus sind, sondern unbedingte Voraussetzung.

Dies wurde meiner Meinung nach aber auch Zeit, denn gerade in den letzten Monaten wurde mir schon mehrfach gratuliert, wenn ich gesagt habe, ich sei kein Englischlehrer. Und das ist nun wirklich schade, schließlich ist Englisch doch eine schöne Sprache und man sollte sich nicht dafür schämen müssen, sie zu lehren, oder?

September 12, 2008

Auf der Suche nach dem verlorenen Artikel

Seit meinen ersten Tagen in Taiwan unterrichte ich hier Deutsch; an verschiedenen Schulen, mit verschiedenen Büchern und natürlich auf unterschiedlichen Niveaus. Doch egal mit welchem Lehrmaterial wir arbeiten und auf welchem Level sich die Schüler befinden, früher oder später stoßen wir unweigerlich auf das Problem der Ländernamen.

Schön brav erkläre ich also jedem Kurs aufs Neue, im Deutschen verwenden wir Städte, Länder und Kontinente im Allgemeinen OHNE Artikel – also Berlin, Wien, München Tokio, genauso wie Deutschland, Frankreich, Polen und Europa, Asien, Amerika und Australien – nur bei den Ländern gibt es Ausnahmen. Manche Ländernamen bekommen ein „der“ oder „die“ vorangestellt: die Schweiz, die Türkei, die USA (Plural), die Niederlande (Plural), der Sudan und bisher hab ich auch immer ganz gemäß Lehrbuch „der Iran“ und „der Irak“ gelehrt.

Doch in letzter Zeit – eigentlich schon seit ein paar Jahren – stolpere ich immer wieder über Zeitungsartikel, die einfach nur schlicht von Geschehnissen „in Iran“ und „in Irak“ berichten. Auf der Suche nach Erklärungen für dieses Phänomen bin ich auf verschiedene Erklärungen gestoßen; die verbreitetste ist wohl, dass man sich entschlossen hat den Artikel wegzulassen, da es ja im Persischen auch keine Artikel vor den Ländernamen gäbe. Diese Erklärung scheint mir allerdings wenig schlüssig: Seit wann nehmen wir bei der Benennung von Ländern in deutscher Sprache soviel Rücksicht auf die Ausgangssprache? Wir sagen ja auch einfach „Frankreich“, obwohl es im Französischen „la France“ heißt, also „die Frankreich“.

Viel einleuchtender finde ich dagegen die Erklärung, dass die Ursache eine schlampige Übersetzung englischsprachiger Pressemeldungen zu diesen Ländern ist, bei denen aus „in Iraq“ einfach mal schnell „in Irak“ wurde. Genauso wie aus dem deutschen „sinnlos“ nach und nach ein „das macht keinen Sinn“ (that makes no sense) wurde.

Nachdem ich in letzter Zeit also selbst in renommierten Zeitungen wie der Zeit und der Süddeutschen den Gebrauch der beiden Ländernamen ohne Artikel finde bzw. heute morgen in der Süddeutschen sogar im selben Bericht mal mit mal ohne, frage ich mich, sollte ich meine Schüler wirklich länger damit quälen, ihnen die korrekte Bezeichnung beizubringen? Oder gibt es tatsächlich eine sinnvolle Erklärung für das plötzliche Verschwinden der beiden Artikel?

September 11, 2008

How old is your brain?

Seit ich letztes Jahr zu Weihnachten meinen kleinen schnuckeligen Nintendo DS bekommen habe, gehören „Gehirnjogging – Wie fit ist dein Gehirn“ Teil 1 und 2 zu meinen absoluten Lieblingsspielen. Was gibt es schöneres für Menschen, die sich in der kritischen Lebensphase „Ich werde bald 30!!!“, als wenigstens von einem sympathischen Computer-Japaner namens Dr. Kawashima regelmäßig gesagt zu bekommen, du wirst zwar körperlich älter, ABER: „Dein geistiges Alter entspricht 25 Jahren!“ Ein schöneres Kompliment kann es doch gar nicht geben :o )

Und wie erarbeitet man sich dieses Kompliment der Komplimente? Ganz einfach und irgendwie typisch japanisch: durch tägliches Üben! Jeder der beiden Teile erhält eine Reihe von Trainingsprogrammen, die Kopfrechnen, Lesegeschwindigkeit, Gedächtnisleistung, Reaktionsvermögen u.ä. spielerisch üben. An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Programme in beiden Teilen sehr ähnlich aufgebaut sind und die gleichen Sinne trainieren, die Spiele des zweiten Teils jedoch deutlich einfallsreicher gestaltet und schwieriger zu meistern sind. Jedes Trainingsprogramm kann man natürlich sooft spielen, wie es einem gefällt, aber gespeichert wird täglich nur das erste Ergebnis.

Was mir persönlich besonders gut gefällt, ist dass die Ergebnisse aller Spiele graphisch aufbereitet werden und man so seinen Trainingsfortschritt bequem nachverfolgen kann. Trainieren mehrere Spieler (bis zu vier Spieler möglich) mit dem selben Programm, wird auch der Vergleich zwischen den Spielern graphisch dargestellt, was den Kampfgeist zusätzlich anspornt.

Um sein geistiges Alter zu ermitteln, gibt es den „Alterstest“, der beliebig oft wiederholt werden kann (auch hier wird nur einmal täglich das Ergebnis gespeichert). Beim Alterstest werden vier unterschiedliche Spiele per Zufallsgenerator ausgewählt und, wer hätte es gedacht: Je besser das Ergebnis, desto niedriger das geistige Alter!

Zusätzlich zu Trainingsprogrammen und Alterstest bietet das Gehirnjogging auch die Möglichkeit Sudoku auf verschiedenen Schwierigkeitsstufen zu spielen. Abschließend lohnt es sich noch, ein kleines Gimmick zu erwähnen: Dr. Kawashima stellt vor Spielbeginn gerne besondere Aufgaben, Bilder malen, Dreiwort-Gedichte schreiben, Gedächtnisübungen zum eigenen Alltag usw. Dies wird besonders lustig, wenn man mit mehreren Spielern spielt und einem beispielsweise der mehr oder weniger gelungene Versuch eines Mitspielers, ein Dromedar, ein Rüsseltier oder die Mona Lisa zu malen, gezeigt wird.

Insgesamt ein unterhaltsames Spiel für zwischendurch: Die einzelnen Programme dauern jeweils nur wenige Sekunden oder Minuten, sind abwechslungsreich, gut durchdacht und können ohne großes Einlesen sofort durchgeführt werden. Außerdem trainieren sie spielerisch das eigene Gehirn und wenn man fleißig war, kriegt man von Dr. Kawashima auch das ersehnte Kompliment: „Ihr geistiges Alter ist niedriger als Ihr tatsächliches Alter.“

Übrigens, mein schönstes Kompliment bisher: „Herzlichen Glückwunsch! Ihr geistiges Alter entspricht 23 Jahren!“

September 10, 2008

Erdbeben und andere wackelige Angelegenheiten

Erdbeben gehören, neben Taifunen, zu den Naturgewalten auf die sich jeder Taiwanbesucher – vor allem jeder Langzeitbesucher – psychisch vorbereiten muss. Doch während Taifune (zumindest in Taipei) kaum für größeren Schrecken sorgen – im Gegenteil: Viele Taiwanesen sehnen einem starken Taiwan und damit einem taifunfreien Tag sogar voller Erwartung entgegen – auch wenn sie dann am freien Tag nichts mit sich anzufangen wissen …

Erdbeben dagegen können im Gegensatz zu Taifunen kaum vorhergesehen werden, ihre Entwicklung kann man weder im Internet noch im Fernsehen beobachten und sich darauf vorbereiten; Erbeben kommen plötzlich, wie aus heiterem Himmel und man kann erst im Moment des Bebens selbst abschätzen, wie stark es wohl werden wird – und genau das macht sie wohl so angsteinflößend.

Ich muss zugeben, ich habe selber zwar noch kein starkes Erdbeben miterlebt – toi, toi, toi – aber auch die vielen kleinen (das stärkste was wohl Stufe 2) haben meinen Bedarf nach mehr längst gestillt. Wir wohnen in Taipei im 12. Stock, und ich spüre daher auch kleinere Beben heftiger als Menschen, die näher am Boden wohnen. Schon bei einem Stärke 1 Erbeben bewegen sich beispielsweise locker in der Küche aufgehängte Utensilien wie Scheren hin und her; Stärke 2 führt noch zusätzlich zu einer leicht quietschenden und knarrenden Geräuschkulisse, die vor allem nachts ganz schön unheimlich sein kann.

Gleichzeitig trifft man immer wieder Leute, die entweder erst sehr kurz in Taiwan sind oder überhaupt noch nie in einem Erdbebengebiet waren, die einem erzählen, wie gern sie doch endlich mal ein richtiges Erdbeben erleben würden. Besonders lustig fand ich beispielsweise einen, zugegebenermaßen noch sehr jungen, Praktikanten in meinem ehemaligen Büro, der die Frage wie er sich denn so ein Erbeben vorstelle ungefähr so beantwortete: „Na ja, ich denk mal, da wird man mal ordentlich durchgeschüttelt … so 30 Minuten lang, schätz ich mal …“ Zum Glück klaffen hier Vorstellung und Realität weit auseinander.

Sicher, ich war auch ziemlich neugierig bevor ich das erste Mal in Taiwan war wie sich so ein Erbeben wohl anfühlen könnte, aber schon nach meinem ersten Mal mitten in der Nacht wußte ich: Davon brauche ich keine weiteren!!! Außerdem bringt die ständige Gefahr eines Erbebens mitsich, dass man beginnt, sich Erdbeben einzubilden. Mir passiert das sogar, wenn ich gar nicht in Taiwan bin und überhaupt keine Erdbebengefahr besteht. Ich sitze dann ganz ruhig auf meinem Sofa oder liege auf dem Bett und bin ganz fest davon überzeugt, dass es gerade bebt. Ich laufe dann sofort zu meinem PC, um nachzusehen, wie stark das Beben nun war, nur um festzustellen, dass die einzige, die mal wieder gebebt hat, ich selber war.

Kurz und gut: Ich hasse Erbeben und das Wohnen im 12. Stock hat nur einen Vorteil: Sollte das 101 bei einem starken Beben tatsächlich doch mal umfallen, von hier aus hätte ich den perfekten Blick für einen CNN i-report.

September 10, 2008

Und Taiwanesen haben doch eine Hobby …

… das Essen!!!

Auch wenn dieses Thema in jedem 2. Taiwan-Blog eigentlich zugenüge behandelt wurde, ich will mich trotzdem dazu äußern … Man sieht, ich wurde auch schon von der allgemeinen Essenshysterie hier angesteckt.

Wie wichtig das Essen für Chinesen ist, hätte ich eigentlich schon ganz am Anfang meines Chinesischstudiums merken müssen. Gleich in der ersten Stunde lernten wir, dass „Guten Tag“ auf chinesisch „Ni hao“ (你好) heißt, doch wies unser Chinesischlehrer im selben Satz darauf hin, dass dieser Ausdruck für eine normale Begrüßung unter Freunden und Verwandten eigentlich viel zu offiziell und distanziert klänge. Viel herzlicher sei doch die weitverbreitete Floskel „Chi bao le ma?“ (吃飽了嗎?), übersetzt: „Bist du satt?“

Auch viele meiner damaligen Kommilitonen waren Chinesen oder Taiwanesen. Wenn mit denen ein Treffen geplant war, mussten diese auch immer zuallererst das leibliche Wohl befriedigt sehen und so wurde stets zuerst entschieden, WAS gegessen wurde bevor man Zeit und Ort festlegte. Für mich fiel das damals allerdings mehr unter die Kategorie „Marotte dieser Freunde“ als dass ich daraus Rückschlüsse auf die chinesische Esskultur im Gesamten zog. Das war wohl mein Fehler.

Welch große Rolle das Essen im Alltag der Chinesen bzw. in meinem Fall Taiwanesen wirklich spielt, habe ich eigentlich erst nach meiner Ankunft in Taiwan begriffen. Besonders beeindruckend – und zuerst auch ein wenig befremdlich – war für mich die Angewohnheit, ein Reiseziel nach seinen kulinarischen Genüssen auszuwählen. Erzählt man einem Taiwanesen beispielsweise man macht am Wochenende einen Ausflug in die Stadt (oder das Land) XY, gibt es normalerweise zwei zu erwartende Antworten: 1. Was willst du denn in XY?!? Da gibt es doch gar nichts besonderes zu essen … oder 2. Oh, das ist eine tolle Idee!!! Wenn du in XY bist, musst du UNBEDINGT xxx essen.

Ähnlich ist es bei der Rückkehr von Reisen. Auf die Frage, was man denn in XY so gemacht habe, wird nur äußerst selten ein Bericht über die dort besichtigten Sehenswürdigkeiten und durchgeführten Aktivitäten erwartet, viel mehr freut sich das taiwanesische Gegenüber, wenn die dort verzehrten Speisen möglichst genau beschrieben werden – am liebsten natürlich mit vielen Fotos. War man in Taiwan unterwegs, kann man sich außerdem 100%ig sicher sein, dass man verständlichlos gefragt wird: „Was?!? Du warst in XY und hast nicht xxx gegessen?!?! Was hast du denn in XY gemacht …?“ Natürlich gehört es da auch zum guten Ton, für die Daheimgebliebenen eine kleine kulinarische Besonderheit mitzubringen.

Dass mich dieser ganze Essenswahn nicht völlig kaltgelassen hat, habe ich mit Schmunzeln bemerkt, als ich nach meinem Heimaturlaub meine Fotos durchgeschaut und dabei bemerkt habe, dass ich erstmals mehr Bilder vom Essen gemacht habe als von Familie und Freunden. Diese will ich vor allem dem taiwanesischen Leser nicht vorenthalten ;o)

Hier also mein kulinarisches Deutschland: