Live dabei beim Nachtslalom in Schladming
Österreich ist eine Skiifahrernation – beim Verhältnis Skiläufer zur Gesamtbevölkerung ist Österreich führend. Auch in absoluten Zahlen liegt Österreich mit 2 Millionen aktiven Skifahrern ganz weit vorn und belegt trotz seiner kleinen Größe weltweit Platz 10.
Aber wir Österreicher laufen nicht nur gerne ski, wir schauen unseren Skihelden auch gern zu: Alpine Wettkämpfe erreichen traditionell sehr hohe Einschaltquoten und so verfolgten beispielsweise 2010 die Kitzbühel-Abfahrt rund 1,207 Mio. und den Kitzbühel-Slalom 1,063 Mio. Zuschauer. Absoluter Höhepunkt – zuschauerzahlenmäßig – ist jedoch der Nachtslalom in Schladming: Im Jahr 2010 war der Nachtslalom mit 1.57 Millionen Fernsehzuschauer (Marktanteil 43 Prozent) die meistgesehene Übertragung des ORFs – die Plätze 6-10 der Quotenhits belegten ebenfalls Wintersportübertragungen – und auch dieses Jahres verfolgten ebensoviele Zuschauer das Rennen auf den Bildschirmen. Darüber hinaus pilgerten, nach offiziellen Zahlen, dieses Jahres rund 45.000 Skisportfans auf die Planai, um das Spektakel live zu erleben und verzehnfachten damit die Einwohnerzahl des sonst so beschaulichen Dörfleins Schladming (Einwohnerzahl 2009: 4515). Zwei davon waren mein Freund und ich.
Diese Diashow benötigt JavaScript.
Wir trafen am 25. Jänner gegen 16 Uhr per Bus in Schladming ein und wurden von einem Heer an Ordnern und Polizisten in Empfang genommen, die versuchten, der Massen herr zu werden. Alles war perfekt organisiert und ausgeschildert und so standen wir bereits nach wenigen Metern vor den Schleusen zu den verschiedenen Arealen: Gold um EUR 270,–, Hohenhaus um EUR 172,–, Schafalm um EUR 160,–, Blau um EUR 32,–, Rot um 14,– usw. Unser Areal war Rot und so trotteten wir gemächlich den bierbewaffneten und fahnenschwenken Scharen hinterher, um unseren Bereich links und rechts der Abfahrt entlang zu erreichen.
Die Stimmung erinnerte stark an eine Mischung aus Fussballstadion und Jahrmarkt. Aus allen Lautsprechern tönten Partysongs der neuen und nicht mehr ganz so neuen deutschen Welle. Dazu Berichterstattung des Fan-TVs zum “bald” beginnenden Event. Langsam kletterten wir die steile Piste hinauf, in die dankenswerterweise Stufen geschlagen worden waren. Bei eisiger Kälte und viel Gedränge brauchten wir eine knappe halbe Stunde, um einen guten Stehplatz für das kommende Rennen für uns zu gewinnen. Da standen wir nun, am für uns perfekten Platz: Genau am Knick zischen oberen und unteren Stück Piste, die Leinwand des Fan-TVs direkt hinter uns, um auch den Lauf vor und nach unserem Blickwinkel mitverfolgen zu können, auf unseren mitgeschleppten Styroporplatten und harrten der Dinge die da kommen mochten.
“Noch 5 Viertelstunden”, hörten wir den Moderator uns Fans zurufen, als wir gerade unseren Platz eingenommen hatten. Noch 5 Viertelstunden bis zum ersten Durchgang – wie sollten wir das bei der Kälte durchhalten? Wir hielten durch und sahen, wie die Stäbe gesteckt wurden, wie die Stäbe besichtigt wurden, wie die Piste zum hundersten Mal vom Schnee gereinigt wurde und dann um 17:45 Uhr ging es los. 56 Läufer rasten beim ersten Durchgang in knappen Schwüngen um die roten und blauen Stäbe und, fast wie bei einem Formel 1 rennen, sahen wir jeden Läufer nur wenige Sekunden lang an uns vorbei zischen. Am Ende konnte Andre Myhrer aus Schweden vor Ivica Kostelic (Kroatien), dem Favoriten, und Jean-Baptiste Grange (Frankreich) den ersten Durchgang für sich entscheiden. Der beste Österreicher landete auf einem enttäuschenden fünften Platz.
Nach rund 1,5 Stunden war der erste Durchgang vorbei und damit begann der für uns weniger lustige Teil des Abends. Noch 2,5 Stunden in der Kälte stehend unseren Platz zu verteidigen, bis um 20:45 Uhr der zweite Durchgang anfangen würde, war für uns keine Option. Und so machten wir uns, über die wenigen noch übrigen Stufen, Stück für Stück auf den Weg nach unten. Die Piste des Zuschauerbereichs war mittlerweile von leeren Bierdosen und Schnapsfläschchen, zerbrochenen Styroporplatten, Kronkorken und anderen Mist so bedeckt, dass man seine Schritte äußerst vorsichtig setzen musste. Erschwerend kamen noch die weniger nüchternen Menschen, die auf der eisigen Piste entweder erfolglos versuchten hochzuklettern oder runterzurutschen und dabei alles mit sich rissen, was sich ihnen in den Weg stellte.
Doch als wir uns durch den Müll und das Gedränge langsam nach unten schlitterten, ahnten wir noch nicht, was dem Abend für uns in wenigen Minuten ganz schnelles Ende bereiten sollte: ein Magen-Darm-Infekt. Ziemlich exakt zwischen ersten und zweiten Durchgang klagte mein Freund plötzlich über extreme Magenkrämpfe und dann setzte alles ein, was so ein Infekt mit sich bringt. Von da an hieß es für uns nur noch runter von der Piste und einen Platz auf den provisorischen Örtlichkeiten zu ergattern. Während ich den zweiten Durchgang wenigstens noch aus der Ferne beobachten konnte, hatte mein Freund zu diesem Zeitpunkt bereits ganz andere Sorgen.
Um kurz nach 21 Uhr befanden wir uns dann bereits zu Fuß auf dem Weg zum Schladminger Bahnhof, die Stimmung konnten wir leider nur noch von Weitem genießen und die Siegerehrung verlief völlig ohne uns. So erfuhren wir auch erst als wir vor dem Bahnhof beim Wirten auf den Zug warteten, dass dieses Ereignis mit einem der schlechtesten Ergebnisse für Österreich in der 15jährigen Geschichte des Nachtslaloms zu Ende ging. Benjamin Raich platziert sich als bester Österreicher auf Rang neun. Sieger war der Franzose Jean-Baptiste Grange.
Auch wenn wir den Nachtslalom leider nicht bis zum Schluss verfolgen konnten, war es doch ein einmaliges Erlebnis mit toller Stimmung und einer ganz besonderes Atmosphäre. Trotzdem, im nächsten Jahr verfolgen wir den Nachtslalom wieder auf dem warmen Sofa sitzend vor dem Fernseher.