Monatsarchiv: September 2008

“North American accent prefered”

Englischlehrer ist DER Beruf für Ausländer in Taiwan, das habe ich eigentlich schon ziemlich am Anfang meines Aufenthaltes hier bemerkt. Nicht nur, dass jeder zweite Ausländer auf die Frage, was er denn in Taiwan so mache, antwortet: „Englisch unterrichten, natürlich!“ Auch der überwiegende Teil der Taiwanesen nimmt beim Anblick eines (weißen) Ausländers automatisch an, einen Englischlehrer vor sich zu haben.

Dass dies so ist, liegt sicher in erster Linie an dem unglaublich hohen Bedarf an muttersprachlichen Englischlehrkräften: Alle Eltern wünschen sich möglichst großen beruflichen Erfolg für ihre Kinder und dafür sehen die meisten Asiaten – so auch die Taiwanesen – sehr gute, am besten muttersprachliche, Englischkenntnisse als wichtigste Voraussetzung. Ein sehr großer Teil der Kinder geht daher bereits vor der Grundschule entweder in einen bilingualen Kindergarten oder nimmt anderweitig Englischunterricht.

Darüber, wie hoch der Bedarf wirklich ist, kann man sich leicht einen Überblick verschaffen, wenn man die Jobangebote der einschlägigen Websites (insb. Tealit.com) oder englischsprachigen Zeitungen überfliegt. Ein Satz, der den durchschnittlichen Europäer mit seiner Vorliebe fürs „British English“ eventuell anfangs irritiert (oder belustigt), ist „North American accent prefered“. Für die meisten Taiwanesen, ist nämlich nur Amerikanisch „richtiges“ Englisch und so suchen auch die Sprachschulen gezielt nach Amerikanern.

Noch anschaulicher kann man sich die Situation mit einem Blick hinter den Hauptbahnhof von Taipei vor Augen führen. Dort wimmelt es geradezu von Nachhilfeschulen, die Englischkurse für jede Altersklasse anbieten. Um sich in diesem Konkurrenzkampf durchsetzen zu können, stellen die Schulen dann noch an jede Ecke junge Leute, die einem Flugblätter mit den neuesten Angeboten für Englischunterricht und die dazugehörigen Prüfungen wie TOEFL, TOEIC, GMAT, GRE und wie sie sonst noch so alle heißen, in die Hand drücken.

Um den hohen Bedarf zu stillen, wurden die Voraussetzungen für ausländische Lehrer in Taiwan entsprechend angepasst: Als englischer Muttersprachler, heißt man kann die Staatsangehörigkeit eines englischsprachigen Landes nachweisen, braucht man von staatlicher Seite her eigentlich nur einen Bachelor (oder gleichwertigen) Abschluss und schon kann die Jobsuche losgehen. Eine Lehrerausbildung (Teaching-Certificate) ist meist nicht erforderlich.

Diese Einfachheit, begleitet von den relativ guten Verdienstmöglichkeiten – Taiwanesen geben für kaum etwas soviel Geld aus wie für die Ausbildung ihrer Kinder – hat über die Jahre geradezu zu einer Schwemme von Englischlehrern geführt, die außer muttersprachlichem Englisch eigentlich keinerlei Voraussetzungen für den Lehrerberuf mitbrachten. Doch auch damit war der Markt nicht zu sättigen, sodass neben Englischmuttersprachlern auch immer mehr Nichtmuttersprachler illegal auf den Mark drängten.

Unter Ausländern in Taiwan ist mittlerweile allgemein bekannt, wer amerikanisch aussieht – das heißt in Taiwan: wer weiß ist – findet immer einen Job als Englischlehrer, auch wenn er sonst keinerlei Qualifikationen nachweisen kann. Darunter leidet natürlich nicht nur die Qualität des Englischunterrichts, aber auch der Ruf, der in Taiwan lebenden Ausländer allgemein. Immer häufiger hört man gerade von taiwanesischen Gesprächspartnern, es kämen ja nur Ausländer nach Taiwan, die es im eigenen Land zu nichts bringen würden und hier wirft man ihnen das Geld nach.

Doch langsam ändert sich die Situation: Der Markt wird enger und damit steigen auch die Anforderungen. Vor allem Sprachschulen in Taipei können unter den vorhandenen Bewerbern frei wählen und so haben es geringqualifizierte Arbeitsuchende immer schwerer. Auch liest man nun häufiger, dass eine Lehrerausbildung und entsprechende Berufserfahrung nicht mehr nur ein Bonus sind, sondern unbedingte Voraussetzung.

Dies wurde meiner Meinung nach aber auch Zeit, denn gerade in den letzten Monaten wurde mir schon mehrfach gratuliert, wenn ich gesagt habe, ich sei kein Englischlehrer. Und das ist nun wirklich schade, schließlich ist Englisch doch eine schöne Sprache und man sollte sich nicht dafür schämen müssen, sie zu lehren, oder?

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Auf der Suche nach dem verlorenen Artikel

Seit meinen ersten Tagen in Taiwan unterrichte ich hier Deutsch; an verschiedenen Schulen, mit verschiedenen Büchern und natürlich auf unterschiedlichen Niveaus. Doch egal mit welchem Lehrmaterial wir arbeiten und auf welchem Level sich die Schüler befinden, früher oder später stoßen wir unweigerlich auf das Problem der Ländernamen.

Schön brav erkläre ich also jedem Kurs aufs Neue, im Deutschen verwenden wir Städte, Länder und Kontinente im Allgemeinen OHNE Artikel – also Berlin, Wien, München Tokio, genauso wie Deutschland, Frankreich, Polen und Europa, Asien, Amerika und Australien – nur bei den Ländern gibt es Ausnahmen. Manche Ländernamen bekommen ein „der“ oder „die“ vorangestellt: die Schweiz, die Türkei, die USA (Plural), die Niederlande (Plural), der Sudan und bisher hab ich auch immer ganz gemäß Lehrbuch „der Iran“ und „der Irak“ gelehrt.

Doch in letzter Zeit – eigentlich schon seit ein paar Jahren – stolpere ich immer wieder über Zeitungsartikel, die einfach nur schlicht von Geschehnissen „in Iran“ und „in Irak“ berichten. Auf der Suche nach Erklärungen für dieses Phänomen bin ich auf verschiedene Erklärungen gestoßen; die verbreitetste ist wohl, dass man sich entschlossen hat den Artikel wegzulassen, da es ja im Persischen auch keine Artikel vor den Ländernamen gäbe. Diese Erklärung scheint mir allerdings wenig schlüssig: Seit wann nehmen wir bei der Benennung von Ländern in deutscher Sprache soviel Rücksicht auf die Ausgangssprache? Wir sagen ja auch einfach „Frankreich“, obwohl es im Französischen „la France“ heißt, also „die Frankreich“.

Viel einleuchtender finde ich dagegen die Erklärung, dass die Ursache eine schlampige Übersetzung englischsprachiger Pressemeldungen zu diesen Ländern ist, bei denen aus „in Iraq“ einfach mal schnell „in Irak“ wurde. Genauso wie aus dem deutschen „sinnlos“ nach und nach ein „das macht keinen Sinn“ (that makes no sense) wurde.

Nachdem ich in letzter Zeit also selbst in renommierten Zeitungen wie der Zeit und der Süddeutschen den Gebrauch der beiden Ländernamen ohne Artikel finde bzw. heute morgen in der Süddeutschen sogar im selben Bericht mal mit mal ohne, frage ich mich, sollte ich meine Schüler wirklich länger damit quälen, ihnen die korrekte Bezeichnung beizubringen? Oder gibt es tatsächlich eine sinnvolle Erklärung für das plötzliche Verschwinden der beiden Artikel?

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How old is your brain?

Seit ich letztes Jahr zu Weihnachten meinen kleinen schnuckeligen Nintendo DS bekommen habe, gehören „Gehirnjogging – Wie fit ist dein Gehirn“ Teil 1 und 2 zu meinen absoluten Lieblingsspielen. Was gibt es schöneres für Menschen, die sich in der kritischen Lebensphase „Ich werde bald 30!!!“, als wenigstens von einem sympathischen Computer-Japaner namens Dr. Kawashima regelmäßig gesagt zu bekommen, du wirst zwar körperlich älter, ABER: „Dein geistiges Alter entspricht 25 Jahren!“ Ein schöneres Kompliment kann es doch gar nicht geben :o)

Und wie erarbeitet man sich dieses Kompliment der Komplimente? Ganz einfach und irgendwie typisch japanisch: durch tägliches Üben! Jeder der beiden Teile erhält eine Reihe von Trainingsprogrammen, die Kopfrechnen, Lesegeschwindigkeit, Gedächtnisleistung, Reaktionsvermögen u.ä. spielerisch üben. An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Programme in beiden Teilen sehr ähnlich aufgebaut sind und die gleichen Sinne trainieren, die Spiele des zweiten Teils jedoch deutlich einfallsreicher gestaltet und schwieriger zu meistern sind. Jedes Trainingsprogramm kann man natürlich sooft spielen, wie es einem gefällt, aber gespeichert wird täglich nur das erste Ergebnis.

Was mir persönlich besonders gut gefällt, ist dass die Ergebnisse aller Spiele graphisch aufbereitet werden und man so seinen Trainingsfortschritt bequem nachverfolgen kann. Trainieren mehrere Spieler (bis zu vier Spieler möglich) mit dem selben Programm, wird auch der Vergleich zwischen den Spielern graphisch dargestellt, was den Kampfgeist zusätzlich anspornt.

Um sein geistiges Alter zu ermitteln, gibt es den „Alterstest“, der beliebig oft wiederholt werden kann (auch hier wird nur einmal täglich das Ergebnis gespeichert). Beim Alterstest werden vier unterschiedliche Spiele per Zufallsgenerator ausgewählt und, wer hätte es gedacht: Je besser das Ergebnis, desto niedriger das geistige Alter!

Zusätzlich zu Trainingsprogrammen und Alterstest bietet das Gehirnjogging auch die Möglichkeit Sudoku auf verschiedenen Schwierigkeitsstufen zu spielen. Abschließend lohnt es sich noch, ein kleines Gimmick zu erwähnen: Dr. Kawashima stellt vor Spielbeginn gerne besondere Aufgaben, Bilder malen, Dreiwort-Gedichte schreiben, Gedächtnisübungen zum eigenen Alltag usw. Dies wird besonders lustig, wenn man mit mehreren Spielern spielt und einem beispielsweise der mehr oder weniger gelungene Versuch eines Mitspielers, ein Dromedar, ein Rüsseltier oder die Mona Lisa zu malen, gezeigt wird.

Insgesamt ein unterhaltsames Spiel für zwischendurch: Die einzelnen Programme dauern jeweils nur wenige Sekunden oder Minuten, sind abwechslungsreich, gut durchdacht und können ohne großes Einlesen sofort durchgeführt werden. Außerdem trainieren sie spielerisch das eigene Gehirn und wenn man fleißig war, kriegt man von Dr. Kawashima auch das ersehnte Kompliment: „Ihr geistiges Alter ist niedriger als Ihr tatsächliches Alter.“

Übrigens, mein schönstes Kompliment bisher: „Herzlichen Glückwunsch! Ihr geistiges Alter entspricht 23 Jahren!“

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Erdbeben und andere wackelige Angelegenheiten

Erdbeben gehören, neben Taifunen, zu den Naturgewalten auf die sich jeder Taiwanbesucher – vor allem jeder Langzeitbesucher – psychisch vorbereiten muss. Doch während Taifune (zumindest in Taipei) kaum für größeren Schrecken sorgen – im Gegenteil: Viele Taiwanesen sehnen einem starken Taiwan und damit einem taifunfreien Tag sogar voller Erwartung entgegen – auch wenn sie dann am freien Tag nichts mit sich anzufangen wissen …

Erdbeben dagegen können im Gegensatz zu Taifunen kaum vorhergesehen werden, ihre Entwicklung kann man weder im Internet noch im Fernsehen beobachten und sich darauf vorbereiten; Erbeben kommen plötzlich, wie aus heiterem Himmel und man kann erst im Moment des Bebens selbst abschätzen, wie stark es wohl werden wird – und genau das macht sie wohl so angsteinflößend.

Ich muss zugeben, ich habe selber zwar noch kein starkes Erdbeben miterlebt – toi, toi, toi – aber auch die vielen kleinen (das stärkste was wohl Stufe 2) haben meinen Bedarf nach mehr längst gestillt. Wir wohnen in Taipei im 12. Stock, und ich spüre daher auch kleinere Beben heftiger als Menschen, die näher am Boden wohnen. Schon bei einem Stärke 1 Erbeben bewegen sich beispielsweise locker in der Küche aufgehängte Utensilien wie Scheren hin und her; Stärke 2 führt noch zusätzlich zu einer leicht quietschenden und knarrenden Geräuschkulisse, die vor allem nachts ganz schön unheimlich sein kann.

Gleichzeitig trifft man immer wieder Leute, die entweder erst sehr kurz in Taiwan sind oder überhaupt noch nie in einem Erdbebengebiet waren, die einem erzählen, wie gern sie doch endlich mal ein richtiges Erdbeben erleben würden. Besonders lustig fand ich beispielsweise einen, zugegebenermaßen noch sehr jungen, Praktikanten in meinem ehemaligen Büro, der die Frage wie er sich denn so ein Erbeben vorstelle ungefähr so beantwortete: „Na ja, ich denk mal, da wird man mal ordentlich durchgeschüttelt … so 30 Minuten lang, schätz ich mal …“ Zum Glück klaffen hier Vorstellung und Realität weit auseinander.

Sicher, ich war auch ziemlich neugierig bevor ich das erste Mal in Taiwan war wie sich so ein Erbeben wohl anfühlen könnte, aber schon nach meinem ersten Mal mitten in der Nacht wußte ich: Davon brauche ich keine weiteren!!! Außerdem bringt die ständige Gefahr eines Erbebens mitsich, dass man beginnt, sich Erdbeben einzubilden. Mir passiert das sogar, wenn ich gar nicht in Taiwan bin und überhaupt keine Erdbebengefahr besteht. Ich sitze dann ganz ruhig auf meinem Sofa oder liege auf dem Bett und bin ganz fest davon überzeugt, dass es gerade bebt. Ich laufe dann sofort zu meinem PC, um nachzusehen, wie stark das Beben nun war, nur um festzustellen, dass die einzige, die mal wieder gebebt hat, ich selber war.

Kurz und gut: Ich hasse Erbeben und das Wohnen im 12. Stock hat nur einen Vorteil: Sollte das 101 bei einem starken Beben tatsächlich doch mal umfallen, von hier aus hätte ich den perfekten Blick für einen CNN i-report.

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