“North American accent prefered”

Englischlehrer ist DER Beruf für Ausländer in Taiwan, das habe ich eigentlich schon ziemlich am Anfang meines Aufenthaltes hier bemerkt. Nicht nur, dass jeder zweite Ausländer auf die Frage, was er denn in Taiwan so mache, antwortet: „Englisch unterrichten, natürlich!“ Auch der überwiegende Teil der Taiwanesen nimmt beim Anblick eines (weißen) Ausländers automatisch an, einen Englischlehrer vor sich zu haben.

Dass dies so ist, liegt sicher in erster Linie an dem unglaublich hohen Bedarf an muttersprachlichen Englischlehrkräften: Alle Eltern wünschen sich möglichst großen beruflichen Erfolg für ihre Kinder und dafür sehen die meisten Asiaten – so auch die Taiwanesen – sehr gute, am besten muttersprachliche, Englischkenntnisse als wichtigste Voraussetzung. Ein sehr großer Teil der Kinder geht daher bereits vor der Grundschule entweder in einen bilingualen Kindergarten oder nimmt anderweitig Englischunterricht.

Darüber, wie hoch der Bedarf wirklich ist, kann man sich leicht einen Überblick verschaffen, wenn man die Jobangebote der einschlägigen Websites (insb. Tealit.com) oder englischsprachigen Zeitungen überfliegt. Ein Satz, der den durchschnittlichen Europäer mit seiner Vorliebe fürs „British English“ eventuell anfangs irritiert (oder belustigt), ist „North American accent prefered“. Für die meisten Taiwanesen, ist nämlich nur Amerikanisch „richtiges“ Englisch und so suchen auch die Sprachschulen gezielt nach Amerikanern.

Noch anschaulicher kann man sich die Situation mit einem Blick hinter den Hauptbahnhof von Taipei vor Augen führen. Dort wimmelt es geradezu von Nachhilfeschulen, die Englischkurse für jede Altersklasse anbieten. Um sich in diesem Konkurrenzkampf durchsetzen zu können, stellen die Schulen dann noch an jede Ecke junge Leute, die einem Flugblätter mit den neuesten Angeboten für Englischunterricht und die dazugehörigen Prüfungen wie TOEFL, TOEIC, GMAT, GRE und wie sie sonst noch so alle heißen, in die Hand drücken.

Um den hohen Bedarf zu stillen, wurden die Voraussetzungen für ausländische Lehrer in Taiwan entsprechend angepasst: Als englischer Muttersprachler, heißt man kann die Staatsangehörigkeit eines englischsprachigen Landes nachweisen, braucht man von staatlicher Seite her eigentlich nur einen Bachelor (oder gleichwertigen) Abschluss und schon kann die Jobsuche losgehen. Eine Lehrerausbildung (Teaching-Certificate) ist meist nicht erforderlich.

Diese Einfachheit, begleitet von den relativ guten Verdienstmöglichkeiten – Taiwanesen geben für kaum etwas soviel Geld aus wie für die Ausbildung ihrer Kinder – hat über die Jahre geradezu zu einer Schwemme von Englischlehrern geführt, die außer muttersprachlichem Englisch eigentlich keinerlei Voraussetzungen für den Lehrerberuf mitbrachten. Doch auch damit war der Markt nicht zu sättigen, sodass neben Englischmuttersprachlern auch immer mehr Nichtmuttersprachler illegal auf den Mark drängten.

Unter Ausländern in Taiwan ist mittlerweile allgemein bekannt, wer amerikanisch aussieht – das heißt in Taiwan: wer weiß ist – findet immer einen Job als Englischlehrer, auch wenn er sonst keinerlei Qualifikationen nachweisen kann. Darunter leidet natürlich nicht nur die Qualität des Englischunterrichts, aber auch der Ruf, der in Taiwan lebenden Ausländer allgemein. Immer häufiger hört man gerade von taiwanesischen Gesprächspartnern, es kämen ja nur Ausländer nach Taiwan, die es im eigenen Land zu nichts bringen würden und hier wirft man ihnen das Geld nach.

Doch langsam ändert sich die Situation: Der Markt wird enger und damit steigen auch die Anforderungen. Vor allem Sprachschulen in Taipei können unter den vorhandenen Bewerbern frei wählen und so haben es geringqualifizierte Arbeitsuchende immer schwerer. Auch liest man nun häufiger, dass eine Lehrerausbildung und entsprechende Berufserfahrung nicht mehr nur ein Bonus sind, sondern unbedingte Voraussetzung.

Dies wurde meiner Meinung nach aber auch Zeit, denn gerade in den letzten Monaten wurde mir schon mehrfach gratuliert, wenn ich gesagt habe, ich sei kein Englischlehrer. Und das ist nun wirklich schade, schließlich ist Englisch doch eine schöne Sprache und man sollte sich nicht dafür schämen müssen, sie zu lehren, oder?

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Leben in Taiwan, Persönliches

4 Antworten zu ““North American accent prefered”

  1. Schön beobachtet und zusammengefasst! Und sehr wahr. Ich werde auch dauernd für einen Amerikaner gehalten, das grenzt ja schon an Rassismus 😉

    Verantwortlich für den schlechten Ruf der (amerikanischen, kanadischen…) Englischlehrer ist m.E. zum großen Teil die Tatsache, dass viele von ihnen keinen Wert darauf legen, Chinesisch zu lernen oder auch nur zu versuchen, das Land zu verstehen. Entsprechend tappern sie durch Taipei wie Elefanten durch den Porzellanladen.

  2. Pingback: Dies und das aus Formosa (II) « Brennpunkt Taipeh

  3. Jup da gebe ich dir Recht, ich werde auch immer für einen Englischlehrer gehalten. Wie dem auch sei, ich beneide die natives ein bisschen, weil die jederzeit einen Job finden können. Ich hoffe ich hab auch irgendwann die Möglichkeit einen Job zu finden bevor mir das Geld ausgeht ha ha… aber vorher erstmal Chinesisch lernen :). Ok da les ich jetzt mal weiter in deinem Blog 😉

  4. Pingback: Dies und das aus Formosa (II)

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