Bewegt sich der Berg nicht, bewegt sich die Straße

… bewegt sich die Straße nicht, bewegt sich der Mensch; bewegt sich der Mensch nicht, bewegt sich das Herz.

 

 

Das ist das Motto einer Anti-Selbstmord-Kampagne in Taiwan. Jeden Tag, wenn ich von der Uni nach Hause fahre, steige ich an der MRT-Station Shandao Temple in die Bahn Richtung Kunyang, und genau dort hängt das Plakat mit obigem Text sowie dem Zusatz: „Denk noch zwei Minuten nach – du musst dich nicht umbringen!“

Das tägliche Warten direkt vor dieser Anzeige hat mich nachdenklich gemacht und für dieses Thema sensibilisiert. Mir ist schon früher aufgefallen, dass Taiwanesen scheinbar lockerer über Selbstmord sprechen als Deutsche und ihn auch häufiger offen als „Lösung“ für Probleme in Betracht ziehen.

Schon im ersten Monat in Taiwan kam meine Lehrerin während des Chinesischunterrichts – ich hatte Einzelunterricht – auf ihre derzeitige Lebenssituation zu sprechen und meinte dann ganz beiläufig, wenn sie das alles nicht geregelt kriegt, könne sie sich immer noch umbringen. Ich war total sprachlos. Ihr lapidarer Kommentar: „Ja, ja, wir sind hier keine Christen, wir dürfen uns umbringen!“ Und fuhr dann einfach fort: „Weißt du, welche Selbstmordmethode in Taiwan besonders beliebt ist?“ Ich wusste es natürlich nicht.

Die Antwort: Grillkohle. Und warum ist die Methode so beliebt? Weil die Leichen später so schön aussehen: Die Körper sind völlig intakt, das Gesicht ist entspannt – nicht durch den Todeskampf entstellt – und die Wangen sind leicht gerötet. Man möchte schließlich nicht hässlich aufgefunden werden.

Diese „rationale“ Einstellung zusammen mit den öffentlich geförderten Anti-Selbstmord-Kampagnen, die die Menschen im Alltag aufrütteln sollen, drängten mich dann doch dazu, einigen Fragen nachzugehen: Wie hoch ist Selbstmordrate in Taiwan wirklich? Und warum bringen sich Taiwanesen um?

Ich hab dann mal ein bisschen im Internet recherchiert und hier kommen meine Ergebnisse: Aus einem Artikel der Taiwan News vom 12. September 2008 geht hervor, dass das die Selbstmordrate Taiwans seit 10 Jahren stetig ansteigt und im Jahr 2007 bei 17.2 Selbstmorden unter 100.000 Einwohnern lag (Quelle: DOH); zum Vergleich: In Deutschland nahmen sich 2006 ca. 11,87 Menschen/100.000 Einwohnern das Leben.

Zwar gab es 2007 eine leichte Erholung gegenüber 2006 und es brachten sich rund 450 Menschen weniger um als im Vorjahr, trotzdem entschieden sich letztes Jahr in Taiwan noch insgesamt 3.933 Menschen vorzeitig aus dem Leben zu treten. 3.933 Selbsmorde innerhalb eines Jahres: Das ist in etwa 1 Selbstmord alle zwei Stunden oder 10,7 Selbstmorde pro Tag. Besonders betroffen sind dabei alte Menschen und Jugendliche (15-24 Jahre). Unter letzteren ist die Selbstmordrate trotz allgemeiner Erholung sogar weiter angestiegen. Erschreckend ist vor allem, dass sich unter den Selbstmördern 2007 auch fünf Kinder zwischen 10 und 14 Jahren befanden.

Als Gründe für die Selbstmorde nennt die Taipei Times (2. Juli 2006) in erster Linie Arbeitslosigkeit, aber auch soziale Isolation, Arbeitsbelastung, Depressionen und das Fehlen von Auffangnetzwerken für Selbstmordgefährdete (Quelle: DOH). Gerade an letzterem will die Regierung jetzt arbeiten.

Insgesamt gesehen eine schreckliche Bilanz und die derzeitige Finanzkrise, die mittlerweile auch Taiwan erreich hat, wird sicher noch das ihrige Tun, um weitere Menschen in den Tod zu schicken …

Nach solchen Zahlen sieht man die allgemeine Heiterkeit und Freundlichkeit der Taiwanesen irgendwie mit ganz anderen Augen und fragt sich: Welche Tragödien verbergen die Leute wohl hinter ihrem steten Lächeln?

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13 Kommentare

Eingeordnet unter Leben in Taiwan, Persönliches

13 Antworten zu “Bewegt sich der Berg nicht, bewegt sich die Straße

  1. Das ist allerdings die Kehrseite einer Leistungsgesellschaft, in der immer gute Miene gemacht wird und Solidarität (außerhalb der Familie) nicht besonders ausgeprägt ist.

    Zufällig habe ich gestern diesen Artikel bei der BBC gefunden:
    http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/7714169.stm
    Viele Eltern bringen demnach gleich ihre Kinder mit um, wenn sie nicht mehr ein noch aus wissen. Und es heißt auch, dass die Grillkohle-Methode sich verbreitet, seit sich (über die Medien?) rumgesprochen hat, wie es funktioniert.

  2. wolong

    Das ist wohl leider wahr!

    Mir wird immer ganz schlecht, wenn ich sehe, wie die armen Kinder noch spaetabends von Buxi Ban zu Buxi Ban geschleppt werden … unter welchem Druck hier schon die Kleinsten stehen ist echt unfassbar!

  3. Pingback: Dies und das aus Formosa (III) « Brennpunkt Taipeh

  4. Reiner Wadel

    Ich habe mal gehört, dass Taiwan die höchste Selbstmordrate bei Frauen hat; stimmt das?

  5. wolong

    Hallo Reiner,

    ob Taiwan wirklich die höchste Selbstmordrate unter Frauen weltweit hat, ist relativ schwierig festzustellen, da die Angaben dazu stark variieren.

    Glaubt man jedoch den Zahlen von Jin-Jia Lin (Department of Psychiatry, Chi-Mei Medical Center, Tainan, Taiwan) und Tsung-Hsueh Lu (Institute of Public Health, College of Medicine, National Cheng Kung University, Tainan, Taiwan), die Anfang des Jahres einen sehr interessanten Bericht zum Thema Selbstmord in Taiwan veröffentlicht haben, so lag die Zahl weiblicher Selbstmorde im Jahr 2005 in Taiwan bei 15,7 pro 100.000 Einwohnern (bei Männern bei 34,6). Die WHO, die Taiwan in ihrer Auflistung nicht einbezieht, gibt nur für Sri Lanka eine noch höhere Selbstmordrate unter Frauen an: 16,8.

    Damit würde Taiwan zwar die Liste weiblicher Selbstmorde nicht anführen, trotzdem gibt es weltweit scheinbar kaum Länder, in denen sich mehr Frauen das Leben nehmen.

    Hier noch die Links zu den Daten:
    Suicide mortality trends by sex, age and method in Taiwan, 1971–2005
    (von Jin-Jia Lin and Tsung-Hsueh Lu)

    WHO:
    Suicide rates per 100,000 by country, year and sex
    (Most recent year available; as of 2008)

  6. Reiner Wadel

    Xie Xie :-)))

  7. Ich bin geschockt….mein Sohn Leonard befindet sich im Austauschjahr in Taiwan und spürt den Leistungsdruck enorm. Er selbst ist ein intelligenter junger Mann der in Deutschland wenig tun musste um seine Leistungen zu erbringen die er sich vorstellte. Er war immer ein guter Schüler, in Taiwan allerdings scheint seine Arbeitsmoral mit 80 % an Leistung zu erbringen nicht genug zu sein. Seine Auffassung auch noch zu leben ist nicht so gefragt, gerade in Teipeh sind die Rotarier anscheinend nur mit 100% zufrieden. Ich habe ein bisschen Angst das er sich zu sehr in dieser Leistungsgesellschaft unter Druck setzten lässt. Meine Austauschschülerin hier in Deutschland kommt aus dem Süden Taiwans und erzählt von enormen Druck, sie hält unsere deutschen Schüler für faul, genießt aber gleichzeitig das Schulleben, setzt sich dennoch selbst unter Druck…nie ist sie zufrieden…..
    Vielleicht mag der eine oder Andere Leonard ein paar nette Worte sagen…
    Danke, auch für den Artikel!
    Ich bin total geschockt!

    ♥ Bonafilia

  8. Ich habe deinen Artikel bereits vor einigen Tagen gelesen aber erst heute wird mir klar wie ernst das ganze ist. Meine Freund schreibt auch ab und zu ein Blog (http://cid-491c233da6aba09b.spaces.live.com/blog/cns!491C233DA6ABA09B!393.entry) und heute lese ich das und mir wird ganz schlecht. Sie schreibt „wenn Sie mehr Mut hätte würde Sie es probieren“. Ich verstehs einfach nicht, Sie hat super nette offene Eltern, keinen Druck gar nichts und trotzdem denk Sie permanent über so einen „Scheiß“ nach, das macht mich wirklich traurig. Ich werde Sie heute mal darauf ansprechen, wenn wir zusammen sind sagt Sie nämlich nichts davon.

  9. Ich kenne das abgebildete Haus, man sieht es von der Zhong Shan-Metrostation in westlicher Richtung. Zumindest im Frühjahr 2007 war es zu sehen. Und ich war ähnlich geschockt wie ihr, und musste mir den tieferen Sinn auch erklären lassen – warum so ein Poster und „Werbung“ überhaupt notwendig ist.

    Ich bin froh, dass ich auch ältere Taiwanesen kenne, die den Leistungsdruck nicht so hart spüren, sondern zwar fleißig sind, sich aber fast mit „Lebemann“-Haltung nichts kaputtmachen lassen.

  10. chrissy

    bin grade in den letzten zügen meiner ba-arbeit zum thema „suizid in taiwan“. kann sie dann veröffentlichen und euch nen link posten, falls es noch von interesse ist.
    gruß
    christoph weiß

    • wolong

      Hallo Christoph,

      danke für Deinen Kommentar! Mich würde ein Link zu Deiner BA-Arbeit auf jeden Fall interessieren – bitte unbedingt posten!

      LG
      Konstanze

  11. Pingback: Gedanken über Abtreibung auf dem U-Bahnhof | Sleeping Dragon

  12. Pingback: Dies und das aus Formosa (III) « Brennpunkt Taipei: Taiwan-News aus Taipeh

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