Monatsarchiv: November 2010

Sonntagnachmittag auf der Marswiese: Not vs. Elend

Es hätte viele Möglichkeiten gegeben, den vergangenen Sonntagnachmittag zu verbringen. Eine davon, die, zugegebenermaßen eher von einer kleinen Minderheit gewählt wurde, war das Anschauen des „Wirtshausliga“-Spiels Not (rot) vs. Elend (blau).

An diesem herbstlich kalten Novembertag saß ein kleines Besuchergrüppen – Rot konnte immerhin 5 Zuschauer anziehen, Blau nur 2 1/4 – am Rande eines Sportplatzes am Popsch der Welt auf der Marswiese und harrte der Dinge, die da kommen mochten.

Für Blau begann der Kampf um den Sieg eigentlich schon vor der 1. Halbzeit: Wild telefoniert der Kapitän der Mannschaft, um wenigsten die Mindestzahl an Spielern vom gemütlich warmen Bett auf den windig kalten Fußballplatz zu befördern. Erfolgreich. Um punkt 14 Uhr beginnt ein spannendes Spiel zwischen Rot und Blau (Rot steht steht sogar ein Ersatzspieler zu Verfügung).

Es folgt das übliche Prozedere: Auflaufen aufs Spielfeld, Versammlung um den (schon etwas in die Jahre gekommenen) Schieri, Begrüßung der Zuschauer und dann versammelt sich Rot erstmal im Kreis und stößt lautes Kampfgeschrei aus (um sich selbst Mut zuzusprechen?), bevor sich die Mannschaft dann, etwas ungeordnet, in der eigenen Spielhälfte verteilt. Blau wählt die kürzer Variante und wuselt sofort und ohne Geschrei auf die andere Spielhälfte. Anpfiff und los gehts!

Schon nach wenigen Minuten wird auch dem Laien klar, beide Mannschaften haben das gleiche Problem: zu wenige echte Fußballer und zu viele Spieler mit latenter Ballangst auf dem Platz. Trotzdem fällt schon in der 9. Minute das erste Tor für Blau – JUUUUUBEL auf der kleinen Zuschauertribüne. Wirklich schön gespielt!

Es sollen noch drei weitere Tore folgen (zwei für Rot, eins für Blau), bis der Schieri nach 45 Minuten und Gleichstand die 1. Halbzeit für beendet erklärt. Pause. Beide Mannschaften schlufen vom  Spielfeld. Schnell werden die bereitgelegten Jacken übergestreift und wie sie da so schlotternd herumstehen, wird ihnen klar, was die Zuschauer schon lange wissen: Es ist eiskalt und windig an diesem Tag … vor allem, wenn man 90 Minuten still am Spielfeldrand sitzt. Blau macht zudem eine zweite Entdeckung: Sie haben die vergangenen 45 Minuten mit ZWEI Kapitänen gespielt.

Nach fünf Minuten hat der Schieri mit den mittlerweile fast erfrorenen Spielern erbarmen und pfeift die zweite Halbzeit an. Jetzt geht es – ohne Kampfgeschrei – in umgekehrter Spielrichtung in die zweite Hälfte. Wieder bestätigt sich der Eindruck: Dieses Spiel braucht mehr Fußballer! Der wirre Kick über die nächsten 45 Minuten, der nur durch einen Wechsel bei den Roten unterbrochen wird,  ist zwar nicht spielerisch hochwertig, dafür aber torgeladen. Es fallen insgesamt und gerecht verteilt vier weitere Tore. Schlusspfiff.

Das Spiel ist vorbei. Endstand 4:4. Beide Mannschaften verziehen sich enttäuscht in die Kabine und denken sich: Dieses Spiel hätte man unbedingt gewinnen müssen – eine Katastrophe!

Der Fußballlaie betrachtet das Ganze selbstverständlich aus einer etwas anderen Perspektive: Es sind viele Tore gefallen, das Frieren hat endlich ein Ende  – man kann den Nachmittag also in aller Ruhe bei einem Becher heißem Tee in der Kantine ausklingen lassen – und ganz wichtig, die „Mannschaft der Herzen“ hat nicht verloren!

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Best Hot Pot in Town – Liounge

– Leider hat dieses tolle Lokal mittlerweile zugesperrt. An selber Stelle hat Ende 2014 der Nachfolger, Mama Liu and Sons, eröffnet. –

Oh, wie ist es kalt geworden
und so traurig, öd und leer?
Rauhe Winde wehn von Norden,
und die Sonne scheint nicht mehr.

– Hoffman von Fallersleben –

Genau die richtige Zeit für einen gemütlichen Abend mit einem leckeren Topf heißer Suppe. Das denkt man auch in China. Mit dem Beginn der kalten Jahreszeit fängt in China auch die Hot Pot-Saison an.

Wer in Wien, fernab aller chinesischer Garküchen, diesem Genuss auf typisch chinesische Art und Weise fröhnen möchte, sollte zur Liounge in der Gumpendorferstraße kommen. Hier gibt es zu angemessenen Preisen  köstlichen und äußerst authentischen Hot Pot,  was man vor allem am vorwiegend chinesischen Publikum erkennt.

Das ganze funktioniert ziemlich ähnlich wie Fondue: Zuerst wählt man seine Suppen, die dann in einem schicken ying-yang-förmigen Metalltopf auf einer Gaskochplatte kommen. Dazu bestellt man pro Person eine warme Vorspeise und nach belieben hauchdünn geschnittene Fleischeinlage. Dann gehts auf zum schier unerschöpflichen Buffet. Hier gibt es wirklich alles, was das Herz begehrt: Gemüse, Nudeln, Meeresfrüchte, kalte Vorspeisen, Soßen und und und. Neben sehr chinesischen Leckerbissen, wie fein aufgeschnittene Schweineöhrchen und Mägen von unterschiedlichen Tierchen für den Gast aus Fernost, kommt auch der weniger experimentierfreudige Esser vollständig auf seine Kosten. Selbstverständlich kann man hier zugreifen so oft man will.

Außer den kalten Vorspeisen kann alles in der Suppe versenkt und gegart werden. Zum wieder Rausfischen gibt es spezielle Löffel – ansonsten wird natürlich mit Stäbchen geschmaust und zwar so lange und soviel wie es der eigene Magen zulässt. Besonders zu empfehlen, ist der frische Spinat, der, kurz gekocht und in Erdnuss-Soße getunkt, einfach himmlisch schmeckt!

Fazit: Die Liounge ist ideal um bei kaltem Winterwetter einen gemütlichen Abend in angenehmer und entspannter Atmosphäre, leckerem Essen und gutem Service zu verbringen. Am besten bringt man ein paar Freunde mit, denn je mehr Leute, desto lustiger der Abend und desto abwechslungsreicher und bunter wird der Hot Pot!

Liounge
Gumpendorfer Str. 29
1060 Wien
 
 
Map
 
 

– Achtung! Besonders am Wochenende unbedingt reservieren! –

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Aphrodisiakum für Nekrophile

Den Wienern sagt man ein ganz besonderes Verhältnis – eine bittersüße Liebesbeziehung – zum Tod nach. Eine der Erklärungen für diesen Hang zum Morbiden sind die Erfahrungen mit der Pest, die Wien zwischen dem 9. und dem 18. Jahrhunder mehrfach heimgesucht und viele Tausende Tote gefordert hat. Legendär ist in diesem Zusammenhang die Geschichte vom „Lieben Augustin“, der die Pest von 1679, bei der mehr als 12.000 Menschen ums Leben kamen, überlebte. Bis heute erinnern Pestsäulen überall in Österreich und vor allem auf Wiens Prunkstraße, dem Graben, an diese Epidemie.

Aber auch im kulturellen Bereich ist Wiens Beziehung zum Sensenmann äußerst präsent. Unzählige Wienerlieder thematisieren den Tod: Ludwig Hirsch‘ Ballade „Komm großer schwarzer Vogel“, Georg Kreislers „Der Tod das muss a Wiener sein“ oder das berühmte Lied „Es wird a Wein sein …“ und viele mehr.

Dass das Ritual der „schenen Leich“, die prunkvollen Bestattungszeremonien, bis heute kaum an Wichtigkeit verloren haben, kann man vor allem bei einem Spaziergang über den Wiener Zentralfriedhof, den Andre Heller einmal liebevoll als „Aphrodisiakum für Nekrophile“ bezeichnet hat, hautnah miterleben. Hier lassen sich neben prominenten Persönlichkeiten oder Normalsterbliche bestatten, die teilweise schon zu Lebzeiten ein eigenes Sparbuch für die Begräbniskosten angelegt haben.

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In einer morbiden Stadt wie Wien ist natürlich auch der 1. November, Allerheiligen, ein christliches Fest, an dem aller Heiligen gedacht wird – auch solcher, die nicht heiliggesprochen wurden – sowie der vielen Heiligen, um deren Heiligkeit niemand weiß außer Gott, ein ganz besonderer Feiertag. Der Tag ist per Gesetz in ganz Österreich arbeitsfrei und gibt Scharen von Wienern die Chance, die rund 46 Wiener Friedhöfe zu besuchen, um die Gräber ihrer Vorfahren – oder ihre eigenen – zu reinigen und zu pflegen.

Auch wir haben uns heute auf den Weg gemacht und ein paar Friedhöfe besucht. Bei strahlend blauem Himmel, Sonnenschein und für einen Novembertag eigentlich viel zu warmen 16 Grad haben wir viele schöne Stunden, bei teilweise „kirmesartiger“ Stimmung auf den kleineren Friedhöfen und Romantik und Melancholie in den Weiten des Zentralfriedhofs verbracht. Vor allem auf dem Zentralfriedhof liegt das goldgelbe Laub am Rande der Wege schon wadenhoch und färbt alles in kräftig herbstliche Farben. Verlässt man die von Besuchermassen überschwemmten Hauptwege des Friehofs mit den Ehrengräbern bekannter Künstler, Wissenschaftler und Politiker, gelangt man selbst am „Festtag der Toten“ in einsame Gebiete. Dann ist das laubraschelnde Laufen  und Verlaufen im Irrgarten der größten Nekropole Europas noch geheimnisvoller.

Ein Besuch auf einem der Wiener Friedhöfe ist natürlich nicht nur zu Allerheiligen sehr zu empfehlen, aber die geschäftige Atmosphäre an diesem Tag ist einfach unvergleichbar und erweckt auch diese sonst so toten Orte zu neuem Leben.

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