Aphrodisiakum für Nekrophile

Den Wienern sagt man ein ganz besonderes Verhältnis – eine bittersüße Liebesbeziehung – zum Tod nach. Eine der Erklärungen für diesen Hang zum Morbiden sind die Erfahrungen mit der Pest, die Wien zwischen dem 9. und dem 18. Jahrhunder mehrfach heimgesucht und viele Tausende Tote gefordert hat. Legendär ist in diesem Zusammenhang die Geschichte vom „Lieben Augustin“, der die Pest von 1679, bei der mehr als 12.000 Menschen ums Leben kamen, überlebte. Bis heute erinnern Pestsäulen überall in Österreich und vor allem auf Wiens Prunkstraße, dem Graben, an diese Epidemie.

Aber auch im kulturellen Bereich ist Wiens Beziehung zum Sensenmann äußerst präsent. Unzählige Wienerlieder thematisieren den Tod: Ludwig Hirsch‘ Ballade „Komm großer schwarzer Vogel“, Georg Kreislers „Der Tod das muss a Wiener sein“ oder das berühmte Lied „Es wird a Wein sein …“ und viele mehr.

Dass das Ritual der „schenen Leich“, die prunkvollen Bestattungszeremonien, bis heute kaum an Wichtigkeit verloren haben, kann man vor allem bei einem Spaziergang über den Wiener Zentralfriedhof, den Andre Heller einmal liebevoll als „Aphrodisiakum für Nekrophile“ bezeichnet hat, hautnah miterleben. Hier lassen sich neben prominenten Persönlichkeiten oder Normalsterbliche bestatten, die teilweise schon zu Lebzeiten ein eigenes Sparbuch für die Begräbniskosten angelegt haben.

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In einer morbiden Stadt wie Wien ist natürlich auch der 1. November, Allerheiligen, ein christliches Fest, an dem aller Heiligen gedacht wird – auch solcher, die nicht heiliggesprochen wurden – sowie der vielen Heiligen, um deren Heiligkeit niemand weiß außer Gott, ein ganz besonderer Feiertag. Der Tag ist per Gesetz in ganz Österreich arbeitsfrei und gibt Scharen von Wienern die Chance, die rund 46 Wiener Friedhöfe zu besuchen, um die Gräber ihrer Vorfahren – oder ihre eigenen – zu reinigen und zu pflegen.

Auch wir haben uns heute auf den Weg gemacht und ein paar Friedhöfe besucht. Bei strahlend blauem Himmel, Sonnenschein und für einen Novembertag eigentlich viel zu warmen 16 Grad haben wir viele schöne Stunden, bei teilweise „kirmesartiger“ Stimmung auf den kleineren Friedhöfen und Romantik und Melancholie in den Weiten des Zentralfriedhofs verbracht. Vor allem auf dem Zentralfriedhof liegt das goldgelbe Laub am Rande der Wege schon wadenhoch und färbt alles in kräftig herbstliche Farben. Verlässt man die von Besuchermassen überschwemmten Hauptwege des Friehofs mit den Ehrengräbern bekannter Künstler, Wissenschaftler und Politiker, gelangt man selbst am „Festtag der Toten“ in einsame Gebiete. Dann ist das laubraschelnde Laufen  und Verlaufen im Irrgarten der größten Nekropole Europas noch geheimnisvoller.

Ein Besuch auf einem der Wiener Friedhöfe ist natürlich nicht nur zu Allerheiligen sehr zu empfehlen, aber die geschäftige Atmosphäre an diesem Tag ist einfach unvergleichbar und erweckt auch diese sonst so toten Orte zu neuem Leben.

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