Monatsarchiv: Januar 2011

Lakritzwüste Wien

Als Tochter einer Frau aus Norddeutschland, aufgewachsen nahe der holländischen Grenze, kam ich schon früh mit Lakritz in Berührung und bin seitdem süchtig nach dem „schwarzen Gold“. Ich liebe Lakritz in jeglicher Form: Süß oder salzig, hart oder weich, mit Schokolade, Zucker oder Weingummi umhüllt, als Eis, Alkohol, Tee usw. – mir schmeckt einfach alles!

Während meiner Zeit in Taiwan habe ich mich über 4 Jahre mit regelmäßigen „Care-Paketen“ von Verwandten und Freunden in der Heimat, eigenen Schwarzimporten und dem gelegentlichen Kauen von Süßholzwurzeln über Wasser gehalten, um den Aufenthalt im lakritzefreien Taipei zu überbrücken. Als ich dann wieder nach Wien kam, hoffnungsvoll nun wieder leichter an das Genussmittel meiner Wahl zu kommen, musste ich enttäuscht feststellen, dass sich seit meiner Kindheit nicht viel geändert hat – Wien ist immernoch eine Lakritzwüste!

Gut, ich gebe zu, etwas hat sich schon verändert: In gut sortierten Supermärkten bekommt man mittlerweile wenigstens Haribo Lakritzschnecken, manchmal sogar Katjes Katzenpfötchen oder Rheila Salmiakpastillen, aber dieses äußerst beschränkte Angebot kann einen wahren Lakritzfan jedoch nicht langfristig zufrieden stellen. Um ausgefallenere Lakritzsorten zu ergattern, muss sich der Lakritzliebhaber, will er nicht weiterhin auf Hilfslieferungen aus dem Ausland angewiesen sein,  schon mehr ins Zeug legen und sich in den traditionellen Wiener Zuckerlgeschäften auf die Suche machen.

Als echter „Süchtler“ habe ich selbstverständlich keine Mühen gescheut, um meine Sucht zu befriedigen. Ich habe in zahlreichen Geschäften nach meiner Lieblingssüßigkeit gefragt und erstaunliche, befremdliche und leider auch enttäuschende Antworten enthalten. Mit Freude denke ich immernoch an eine Konversation mit einem Angestellten im Nobelsupermarkt Meindl am Graben. „Salmiakpastillen?!? Sie wollen Salmiak essen??? Mein Gott, Kind, das dürfen Sie doch nicht machen – Sie werden sich ja vergiften!!!“

Letztendlich habe ich aber doch ein paar Plätze gefunden, wo man für meine Leidenschaft Verständnis hat und mich mit meinem Suchtmittel beliefert. Für die schnelle Befriedigung empfehle ich den kleinen Kiosk vor der Hauptuni an der Straßenbahnstation Schottentor (oberirdisch). Hier gibt es eine kleine, aber feine Auswahl an süßer und salziger Lakritz. Wenn man etwas mehr Zeit zum Stöbern investieren kann, sollte man zur „Confiserie zum süßen Eck“ in der Währinger Straße 65 fahren. Dieses Altwiener Zuckerlgeschäft bietet mitten in der österreichischen Lakritzwüste eine ansehnliche Auswahl verschiedenster Lakritzsorten zu moderaten Preisen.

Aber warum gibt es eigentlich so selten Lakritz in Wien? Die einfachste und naheliegendste Antwort auf diese Frage bekommt man, wannimmer man einen Österreicher auf Lakritz anspricht: „Schmeckt scheiße!“ Damit könnte man sich zufrieden geben, aber warum sind sich 8 Millionen Menschen, deren Geschmacksinn doch sonst so vielfältig ist, gerade in dieser Frage so einig?

Eine Erklärung, warum sich Österreich zu einer praktisch lakritzfreien Zone entwickelt hat, behauptet sich recht hartneckig in den Weiten des Internets. Es  ist die des sogenannten „Wiener Lakritzedikts“, das noch heute in Kraft sein soll. Demnach hat der letzte ungarisch-österreichische Kaiser Karl angeblich während seiner kurzen Amtszeit die Einfuhr und den Verzehr von Süßigkeiten mit mehr als 5 % Lakritzanteil verboten. Leider habe ich dazu weder handfeste Daten noch Angaben über die Gründe finden können und so könnte es auch sein, dass das Lakritzedikt eher ins Reich der Urban Legends gehört.

Hilfreicher ist da schon die Theorie über den „Lakritzäquator“.  Werbefachleute haben im Rahmen der Verbrauchs- und Medienanalyse (VuMA) herausgefunden, dass durch Deutschland ein Lakritzäquator verläuft:

„Es gibt einen Lakritzäquator in Deutschland, der ungefähr auf Höhe der Mainlinie verläuft. Nördlich davon essen die Leute gern Lakritz. Hier wird überproportional viel Lakritz konsumiert. In den südlichen Bundesländern hingegen ist der Konsum unterproportional, weil hier viele Leute den typischen Lakritzgeschmack einfach nicht mögen. Über 80 Prozent unseres Lakritz verkaufen wir in Nordrhein-Westfalen und den nördlichen Bundesländern.“

(Heiner Wolters, Pressesprecher Katjes FASSIN GmbH & Co. KG)

Basis BRD Gesamt, Konsum Lakritz mehrmals pro Woche, Affinitätsindex

Warum dies so ist, lässt sich nicht so leicht beantworten, aber die aufgestellten Theorien begründen sich beide mit der geographischen Lage, und deshalb lassen sie sich eventuell auch auf Österreich erweitern. Die erste Theorie  behauptet, der Grund dafür, dass die „Nordlichter“ lieber Lakritz ässen, liege in der christlichen Seefahrt: Über die großen Häfen im Norden kamen die Norddeutschen viel früher mit Lakritz in Berührung als ihre Landsleute im Süden und erkannten, dass sie ein gutes Überlebensmittel im Kampf gegen Hunger und Durst war. Die zweite Theorie, die meiner Meinung nach deutlich plausibler scheint, sieht den höheren Lakritzkonsum im Norden in der salzigen Meeresluft begründet: Entlang der Küsten wurde deutlich salziger gekocht und so empfanden die Menschen Salzlakritz als sehr wohlschmeckend als sie ihnen zum ersten Mal angeboten wurde.

Endgültig wird sich die Frage wohl leider nicht klären lassen, aber letztere Theorie stimmt zumindest mit der Tatsache überein, dass in den Küstenregionen und Nordeuropa die salzige Variante bevorzugt wird, während man im restlichen Europa, wenn überhaupt, eher süße Lakritze bevorzugt.

Dem Lakritzfan in der Wiener Lakritzdiaspora bleibt also derweil nur die Hoffnung, dass auch die Wiener irgendwann der Lakritze ihr Herz öffnen und bis dahin den Import des „schwarzen Goldes“ selbst in die Handzu nehmen!

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Gedanken über Abtreibung auf dem U-Bahnhof

Werbung ist ein Spiegel der Gesellschaft und deshalb hat jede Gesellschaft ihre eigene Werbung. Werbung weckt kein neues Verlangen, sondern zeigt vorhandene Bedürfnisse auf und versucht diese entsprechend zu lenken. Anders ausgedrückt, durch die Werbung können wir erkennen, womit sich eine Gesellschaft beschäftigt – Werbung hilft uns, die Menschen einer Gesellschaft kennenzulernen. Aus diesem Grund bin ich von Werbung fasziniert.

Wie schon in Taipei fahre ich auch in Wien täglich U-Bahn und werde deshalb besonders auf die U-Bahn-Werbung aufmerksam. In Wien gibt es an U-Bahnhöfne keine Anti-Selbstmordkampnen, dafür aber Plakate, die nicht weniger nachdenklich stimmen. Es geht um Abtreibung bzw. Schwangerschaftsabbruch. Die gr0ßen Werbeanzeigen verschiedener Organisationen hängen in den meisten U-Bahnstationen und werben entweder für ein Ambulatorium für Schwangerschaftsabbruch oder für Beratungsangebote für ungewollt Schwangere.

Wichtig! Dies ist kein Artikel für oder gegen Schwangersabbrüche, er ist allein aus Neugier darüber entstanden, warum dieses Thema so offensiv an so öffentlichen Orten wie U-Bahnhöfen beworben wird. Es wird versucht, Fragen zu klären, wie: Wer wirbt hier und warum? Welche Rolle spielt Abtreibung in Österreich und wie ist sie gesetzlich geregelt?

Wer wirbt?

1. Gynmed: Ambulatorium für Schwangerschaftsabbruch und Familienplanung

Das Gynmed Ambulatorium ist eine von der Landesregierung Wien genehmigte Krankenanstalt nach Wiener Krankenanstaltengesetz und gehört der Wirtschaftskammer Wien an. (Quelle: Gynmed)

2. Der private Verein: Aktion Leben

„Wir sind die Lebensschutzbewegung in Österreich. Seit mehr als 50 Jahren setzen wir uns ein für den umfassenden Schutz menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod. Wir sind unabhängig und überkonfessionell, ein privater Verein, der von vielen tausenden privaten SpenderInnen in ganz Österreich getragen wird.“ (Quelle: Aktion Leben)

3. Der Verein: Es gibt Alternativen

Leider gibt es auf der Website keinerlei Informationen zum Hintergrund des Vereins. Deutlich wird wird nur, dass er sich absolut und mit drastischen Berichten zur Abschreckung gegen Schwangerschaftsabbrüche ausspricht.

Situation in Österreich

Der Abbruch ist in den ersten 3 Monaten legal, wenn er von einem Arzt nach vorheriger Beratung durchgeführt wird. Weitere Restriktionen gibt es nicht. Allerdings müssen Frauen den Abbruch selbst bezahlen. (Quelle: abtreibung.at)

Gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs in Österreich

Österreich führt als nur eins von drei Ländern Europas, neben Portugal und Luxemburg, keine offizielle Statistik über die Zahl der Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen. Die Schätzungen darüber, wie viele Abbrüche pro Jahr vorgenommen werden, gehen weit auseinander und sind häufig weltanschaulich motiviert. Laut „pro:woman“ geben Frauen in Österreich rund 17,5 Millionen Euro pro Jahr für Schwangerschaftsabbrüche aus und obwohl es keine Statistiken gibt, schätzt das Institut die jährlichen Abtreibungen auf 30.000 bis 35.000. Dies entspricht laut DDr. Fiala, Leiter des Ambulatoriums Gynmed, einer Abtreibungsquote von ca. 17-23 Abbrüche auf 1.000. Frauen – Österreich gehört damit zu den Top-Abtreibungsländern (hinter Russland und Rumänien). (Quelle: Abtreibungsland Österreich)

Zum Vergleich: In Deutschland, dessen Einwohnerzahl mit knapp 82 Millionen rund 10x so hoch ist wie in Österreich,  wurden im Jahr 2009 „nur“ rund 114.500 Abtreibungen gezählt, damit liegt die Quote bei 7,6 Abbrüchen auf 1.000 Frauen. (Quelle: RP Online) In Frankreich liegt diese Quote bei 16.2 und in Großbritannien 16.6.  Die Spitze bilden Rumänien mit 51.6 und Russland mit 54.2. Die niedrigste Abtreibungsquote Europas hat die Schweiz mit 5,4 Abtreibungen auf 1.000 Frauen.

Lässt man diese Zahlen einmal auf einen wirken, dürfte einem klar werden, warum in Wien so offensiv um die „Abbruchwilligen“ geworben wird. Da Schwangerschaftsabbrüche eine sehr persönliche und individuelle Entscheidung sind, sind dies selbstverständlich auch die Gründe, die eine Frau dazu bewegen, ihr Kind nicht auszutragen und weil Österreich, wie bereits erwähnt, keine offizielle Statistik führt, gibt es auch zu den Gründen keine offiziellen Angaben. Man kann jedoch davon ausgehen, dass die Gründe ähnlich gelagert sind wie beispielsweise in Deutschland: mangelnde Aufklärung, psychische oder finanzielle Notlagen, gesundheitliche Gründe etc.

Warum aber ist die Abbruchquote in Österreich soviel höher als in anderen europäischen Ländern? Auf diese Frage habe ich leider keine Antwort gefunden.

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XO-Noodles

– XO-Noodles ist 2012 in die Ringstrassen-Galerien umgezogen und hat dadurch leider seinen besonderen Charme verloren –

„You mix and match“

Am Wochenende habe ich mal wieder ein kleines, nettes (im Winter vielleicht etwas zugiges), aber vor allem sehr authentisches Stück Asien in Wien entdeckt: Das chinesisch-japanische „XO-Noodles“ ist schlicht und sehr am japanischen Stil angelehnt dekoriert – plüschige Sessel, goldene Deckenverzierung, rote Lampions und lachende Buddhas sucht man hier vergebens – dafür sitzt man im unteren Teil des Lokals auf hohen Holzstühlen an Bistro-Tischen und kann den Köchen direkt bei der Arbeit zusehen. Im ersten Stock gibt es gemütliche Sofas und Sitzecken.

Die  Speisenauswahl ist nicht gerade umfangreich, aber das spricht ja in der Regel eher für als gegen ein Lokal. Im Prinzip muss man nur eine grundlegende Entscheidung treffen: Nudeln ohne Suppe (Wok Gericht) oder Nudeln mit Suppe (Hot Pot). Der Rest ergibt sich dann ganz von allein getreu dem Motto: Mix and Match!

Nachdem man also die grundlegende Entscheidung getroffen ist, sucht man sich die passenden (selbstgemachten!) Nudeln aus, dann wählt man noch die Einlage (Fleisch, Fisch, Tofu, Gemüse) – erwähnenswert ist hier besonders das Steirische Bio Landhuhn und das Kärtner Limousin Rind, welche einen Hauch von Österreich in die asiatische Küche wehen –  und zum Schluss noch die Sauce bzw. die Suppe, je nachdem ob man sich für eine Wok-Gericht oder einen Hot Pot entschieden hat.

Bezahlt wird direkt bei der Bestellung an der Kassa und sobald das eigene Gericht fertig und zur Abholung bereit ist, erscheint die jeweilige Nummer auf den beiden großen Bildschirmen über der Theke – regelmäßigen IKEA-Kunden kommt das Prinzip sofort angenehm bekannt vor …

Ich persönlich liebe Nudeln in jeder Form – egal ob mit oder ohne Suppe – und so ist dieses Lokal für mich ein kleines Stückchen Paradies auf Erden. Mein absoluter Favorit ist ganz klar: XO Wok Gericht mit Ramien, gebratenem Tofu und – ganz wichtig! – der Sauce „XO Hot Asia“. XO Hot Asia hält was sie verspricht und ist wirklich ziemlich scharf. Wer es lieber milder mag, für den sind die tollen Saucen und Suppen namens „Bangkok“ mit Rotem Curry unbedingt zu empfehlen!

XO-NOODLES
Hoher Markt 12, A-1010 Wien
tel +43 (1) 533 83 90
fax +43 (1) 533 83 90-16
www.xo-noodles.com
restaurant@xo-noodles.com
 

Achtung: Reservierungen werden leider nicht entgegen genommen!

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