Monatsarchiv: Januar 2015

Die Bundesländertasche

Es gibt sie in allen Größen, Formen und Farben, aber eins haben sie alle gemeinsam: Sie werden freitags, vorzugsweise vor verlängerten Wochenenden, in viele Büros der österreichischen Hauptstadt geschleppt – die Bundesländertaschen.

Bundesländertaschen

Für jemanden, der nicht sein ganzes Leben in Österreich verbracht hat, ist es ein wundersames Phänomen, das sich vor wohl den meisten Wochenenden des Jahres an vielen Wiener Arbeitsstätten abspielt, wenn sämtliche KollegInnen aus den Bundesländern – und davon gibt es jede Menge – ihre gepackten Taschen mitbringen, um sich nach getaener Arbeit auf dem schnellsten Weg auf in die Heimat zu machen.

Seit ich vor rund fünf Jahren zum Arbeiten wieder nach Wien gezogen bin, ist mir dieses seltsame Treiben an allen Arbeitsplätzen, aber auch im Privatleben aufgefallen – kaum ist das Wochenende eingeläutet, leert sich Wien und die Straßen und Züge nach „außerhalb“ füllen sich. Aber warum?

Wien hat seit Jahrhunderten eine besondere Stellung: Es war als kaiserliche Reichshauptstadt und Residenzstadt der Habsburger sowohl die Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches als auch des Kaisertums Österreich und als einer der beiden Hauptstädte Österreich-Ungarns ein kulturelles und politisches Zentrum Europas. Diese Bedeutung verlieh Wien eine unglaubliche Anziehungskraft und machte aus ihm eine Millionenmetropole.

Heute lebt rund ein Viertel der ÖsterreicherInnen in der Bundeshauptstadt, was aus Österreich – demographisch gesehen – einen Staat mit „Wasserkopf“ macht. Unter den anderen acht Landeshauptstädten, knackt nämlich nur Graz, die zweitgrößte Stadt Österreichs, überhaupt die Zweihunderttausender-Marke. Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass es auch heute noch viele Menschen aus den Bundesländern nach Wien zieht – sei es zum Studium oder zur Arbeitsaufnahme.

Die Frage, warum so viele Bundeslandler in Wien leben, wäre also geklärt. Aber warum wollen sie so schnell wie möglich wieder weg? Die Antwort ist wahrscheinlich so einfach wie erschütternd: Sie mögen Wien nicht. Während die meisten Wiener etwas arrogant auf die „g’scherten vom Land“ herabblicken, eint den Rest Österreichs die Abneigung gegenüber den Wienern (das dürfte, glaubt man einem Krone Artikel, allerdings auch das einzige sein, was die Menschen der acht übrigen Bundesländer eint).

Es bleibt also nur ernüchtert zu resümieren, dass es schlicht die wirtschaftlichen Zwänge sind – und nicht die kulturellen Möglichkeiten und der historische Charme Wiens -, die die Menschen aus den Bundesländern anlocken. Und so ist das Wien-Abenteuer für einen großen Teil der „Zugezogenen“ auch vorbei, wenn die Familienplanung in die finale Phase eintritt und Kinder erwartet werden. Diese, so die weitläufige Meinung, könne man schließlich auf keinen Fall in der Stadt großziehen. Spätestens dann geht es endgültig zurück in die Heimat und zum letzten Mal wird die Bundesländertasche gepackt …

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Eingeordnet unter Leben in Wien, Persönliches