Archiv der Kategorie: Leben in Taiwan

阿扁下台! — 馬英九下台!

Nicht mal zwei Jahre ist es her, dass die Menschen überall in Taiwan – besonders in Taipei – mit roten T-Shirts bekleidet durch die Straßen liefen und öffentliche Plätze besetzten, um ihrer Forderung 阿扁下台! (Chen, tritt zurück!) Nachdruck zu verleihen.

Damals demonstrierten vor allem Studenten und angehörige der (chinesischstämmigen) Mittelschicht gegen die korrupte DPP-Regierung – allen voran Chen Shui-bian – und deren Unabhängigkeitsbestrebungen, die viele Taiwanesen als Hauptgrund für den wirtschaftlichen Abschwung in Taiwan verantwortlich machten.

Mit der KMT wird alles besser! Diese Hoffnung brachte der Partei mit Ma Ying-jiu als Präsidentschaftskandidaten im März dieses Jahres den Sieg und führte nach acht Jahren DPP zu einem Regierungswechsel in Taiwan.

Ma Ying-jiu versprach die unter der DPP zunehmend angespannten Beziehungen zum Festland wieder zu entspannen und die Wirtschaftsbeziehungen zur „anderen“ Seite der Taiwan-Straße zu intensivieren. Zu seinen wichtigsten Wahlversprechen gehörten die langgeplante Einführung von Direktflügen (seit Anfang der 90er Jahre geplant und nun endlich umgesetzt) sowie die Reduzierung (Aufhebung) von Investitionsbeschränkungen für taiwanesische Firmen auf dem Festland.

Was Ma Ying-jiu damals zum Sieg verhalf, führt die Regierung nun in die Krise. Die weltweite Finanzkrise geht auch an Taiwan nicht spurlos vorrüber und, wie auch bei uns daheim, wird auch hier alles teurer: Benzin, Lebensmittel, Strom, Gas usw. Das ist natürlich nicht Mas schuld, aber für viele Taiwanesen stehen die Preiserhöhungen in direktem Zusammenhang mit dessen chinafreundlicher Politik.

Viele Taiwanesen fürchten den „Verkauf“ Taiwans an China. Diese Angst nutzt die DPP geschickt und organisiert bereits seit Wochen Kundgebungen, auf denen der Rücktritt von Präsident Ma aus genau diesem Grund gefordert wird. Bisheriger Höhepunkt ist die „Yellow ribbon siege“ (黃絲帶行動) anlässlich des Besuchs von Chen Yun-lin, Vorsitzender der Association for Relations Across the Taiwan Straits (ARATS), der Organisation, die auf chinesischer Seite für die Verhandlung über die Taiwan-Beziehungen verantwortlich ist.

Am Donnerstag (6. November 08) zogen die mit gelben Schärpen „bewaffneten“ Gegner Ma Ying-jius Politik angeführt von der Vorsitzenden der DPP, Cai Ying-wen (蔡英文) vom Legislative Yuan zum Taipei Guest House an der ZhongShan South Road und wieder zurück durch die LinSen South Road, RenAi Road, Xinyi Road und Hangzhou South Road. Ziel war dabei, den Regierungsbezirk von Taipei zu belagern (圍城計畫).

Ich persönlich kann beide Seiten sehr gut verstehen: Auf der einen Seite stehen die Unterstützer Ma Ying-jius mit ihrer Angst, sich durch zu starke Forderungen nach Selbständigkeit international zu isolieren, wirtschaftlich vom viel mächtigeren China abgehängt zu werden; auf der anderen Seite stehen dessen Gegner, sie fürchten um den „Verkauf“ ihres Landes an das dikatorische China, einhergehend mit dem Ende der lang und hart erkämpften Demokratie und der Aufgabe der eigenen taiwanesischen Identität.

Selbstverständlich wäre eine Unabhängigkeitserklärung Taiwans auch für China nicht folgenlos: Experten fürchten hier vor allem den Domino-Effekt, die schlagartige Ausbreitung von Seperationsbewungen auf andere Teile Chinas, wie Tibet, Xinjiang usw.

Letztendlich bin ich allerdings davon überzeugt, dass sich Taiwan mit einer strikten Anti-China-Haltung mehr schadet als nutzt: China ist für Taiwan – zumindest wirtschaftlich – deutlich wichtiger als Taiwan für China. Die Wirtschaften beider Länder sind so eng miteinander verknüpft, dass ein plötzlicher Abbruch der Beziehungen Taiwan in eine schwere Krise stürzen würde.

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Bewegt sich der Berg nicht, bewegt sich die Straße

… bewegt sich die Straße nicht, bewegt sich der Mensch; bewegt sich der Mensch nicht, bewegt sich das Herz.

 

 

Das ist das Motto einer Anti-Selbstmord-Kampagne in Taiwan. Jeden Tag, wenn ich von der Uni nach Hause fahre, steige ich an der MRT-Station Shandao Temple in die Bahn Richtung Kunyang, und genau dort hängt das Plakat mit obigem Text sowie dem Zusatz: „Denk noch zwei Minuten nach – du musst dich nicht umbringen!“

Das tägliche Warten direkt vor dieser Anzeige hat mich nachdenklich gemacht und für dieses Thema sensibilisiert. Mir ist schon früher aufgefallen, dass Taiwanesen scheinbar lockerer über Selbstmord sprechen als Deutsche und ihn auch häufiger offen als „Lösung“ für Probleme in Betracht ziehen.

Schon im ersten Monat in Taiwan kam meine Lehrerin während des Chinesischunterrichts – ich hatte Einzelunterricht – auf ihre derzeitige Lebenssituation zu sprechen und meinte dann ganz beiläufig, wenn sie das alles nicht geregelt kriegt, könne sie sich immer noch umbringen. Ich war total sprachlos. Ihr lapidarer Kommentar: „Ja, ja, wir sind hier keine Christen, wir dürfen uns umbringen!“ Und fuhr dann einfach fort: „Weißt du, welche Selbstmordmethode in Taiwan besonders beliebt ist?“ Ich wusste es natürlich nicht.

Die Antwort: Grillkohle. Und warum ist die Methode so beliebt? Weil die Leichen später so schön aussehen: Die Körper sind völlig intakt, das Gesicht ist entspannt – nicht durch den Todeskampf entstellt – und die Wangen sind leicht gerötet. Man möchte schließlich nicht hässlich aufgefunden werden.

Diese „rationale“ Einstellung zusammen mit den öffentlich geförderten Anti-Selbstmord-Kampagnen, die die Menschen im Alltag aufrütteln sollen, drängten mich dann doch dazu, einigen Fragen nachzugehen: Wie hoch ist Selbstmordrate in Taiwan wirklich? Und warum bringen sich Taiwanesen um?

Ich hab dann mal ein bisschen im Internet recherchiert und hier kommen meine Ergebnisse: Aus einem Artikel der Taiwan News vom 12. September 2008 geht hervor, dass das die Selbstmordrate Taiwans seit 10 Jahren stetig ansteigt und im Jahr 2007 bei 17.2 Selbstmorden unter 100.000 Einwohnern lag (Quelle: DOH); zum Vergleich: In Deutschland nahmen sich 2006 ca. 11,87 Menschen/100.000 Einwohnern das Leben.

Zwar gab es 2007 eine leichte Erholung gegenüber 2006 und es brachten sich rund 450 Menschen weniger um als im Vorjahr, trotzdem entschieden sich letztes Jahr in Taiwan noch insgesamt 3.933 Menschen vorzeitig aus dem Leben zu treten. 3.933 Selbsmorde innerhalb eines Jahres: Das ist in etwa 1 Selbstmord alle zwei Stunden oder 10,7 Selbstmorde pro Tag. Besonders betroffen sind dabei alte Menschen und Jugendliche (15-24 Jahre). Unter letzteren ist die Selbstmordrate trotz allgemeiner Erholung sogar weiter angestiegen. Erschreckend ist vor allem, dass sich unter den Selbstmördern 2007 auch fünf Kinder zwischen 10 und 14 Jahren befanden.

Als Gründe für die Selbstmorde nennt die Taipei Times (2. Juli 2006) in erster Linie Arbeitslosigkeit, aber auch soziale Isolation, Arbeitsbelastung, Depressionen und das Fehlen von Auffangnetzwerken für Selbstmordgefährdete (Quelle: DOH). Gerade an letzterem will die Regierung jetzt arbeiten.

Insgesamt gesehen eine schreckliche Bilanz und die derzeitige Finanzkrise, die mittlerweile auch Taiwan erreich hat, wird sicher noch das ihrige Tun, um weitere Menschen in den Tod zu schicken …

Nach solchen Zahlen sieht man die allgemeine Heiterkeit und Freundlichkeit der Taiwanesen irgendwie mit ganz anderen Augen und fragt sich: Welche Tragödien verbergen die Leute wohl hinter ihrem steten Lächeln?

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Lost & Found

Oft erinnert man sich erst in Situationen größter Panik wieder daran, wie schön es ist in Taiwan zu leben. Ich hatte so eine Situation kürzlich:

Wie üblich war ich mit meiner Freundin nach der Uni zum Mittagessen verabredet. Ich also raus aus dem Klassenzimmer und schnell zum Bus, der mich von meinem Campus direkt und gratis nach Gongguan zum Hauptcampus bringt. Leider schon zu spät, der 12:15 Uhr-Bus biegt grade um die Kurve und ist schon weg.

Kein Problem, denke ich mir, und setze mich auf eine der Bänke, nehme mein Buch raus und warte auf den 12:25 Uhr-Bus. Der trifft wenige Minuten später ein und ich sprinnte hin.

Gemächlich schiebt sich der Bus durch die fast leeren Straßen bis nach Gongguan und keine halbe Stunde später sitzen meine Freundin und ich bereits im Restaurant und machens uns gemütlich – bis es ans bezahlen geht: Ich mache meine Tasche auf und greife blind an die Stelle, an der normalerweise mein Portemonnaie steckt … und greife ins Leere. Panik!!! Ich reisse die Tasche auf, wühle mich bis auf den Taschenboden durch … nichts! Ich drehe die Tasche um und schütte den gesamten Inhalt auf den Tisch … nichts! Sch…e, denke ich, meine ARC, Kreditkarten, Bankkarten, Geld … alles weg!!!

Mein erster Weg führt zu meiner Freundin nach Hause: Kreditkarten sperren lassen. Dann beginnt die Suche. Zuerst zum Hauptcampus, bisher wurde keine Geldbörse gefunden, dafür wird mein Verlust schriftlich registriert. Dann zum 7-11, wo ich in der Früh meinen Kaffee gekauft habe. Die Verkäuferinnen sind sehr nett, erinnern sich sogar an mich, können mir aber auch nicht helfen. Letzte Station: Mein Campus.

Mittlerweile ist es schon nach 15 Uhr. Fast drei Stunden sind vergangen, seit ich nach dem Unterricht mit dem Shuttle-Bus den Campus verlassen habe. Völlig entmutigt und in Gedanken schon durchgehend, in welcher Reihenfolge ich die verlorenen Gegenstände erneut beantragen muss, gehe ich zu den Bänken, wo ich zu Mittag lesend auf den Bus gewartet habe. Und da wird das Wunder schon Wirklichkeit: Mitten im Gras, für jeden deutlich sichtbar, liegt mein PINKES Portemonnaie! Ich kann mein Glück kaum fassen, beginne zu rennen und endlich halte ich meinen Schatz wieder in den Händen!!!!


Ich hebe die Geldbörse auf, schaue hinein und was fehlt? Nichts! Alles ist noch an seinem Platz und das nach drei Stunden auf dem Campus – unglaublich!!! In solchen Momenten bin ich überglücklich in einem Land wie Taiwan zu leben, denn ich bin überzeugt, in Deutschland wäre mein Portemonnaie innerhalb von Sekunden wie vom Erdboden verschluckt gewesen und ich hätte höchstens noch die unbrauchbaren Überreste in irgendeinem Mülleimer in der Nähe gefunden …

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“North American accent prefered”

Englischlehrer ist DER Beruf für Ausländer in Taiwan, das habe ich eigentlich schon ziemlich am Anfang meines Aufenthaltes hier bemerkt. Nicht nur, dass jeder zweite Ausländer auf die Frage, was er denn in Taiwan so mache, antwortet: „Englisch unterrichten, natürlich!“ Auch der überwiegende Teil der Taiwanesen nimmt beim Anblick eines (weißen) Ausländers automatisch an, einen Englischlehrer vor sich zu haben.

Dass dies so ist, liegt sicher in erster Linie an dem unglaublich hohen Bedarf an muttersprachlichen Englischlehrkräften: Alle Eltern wünschen sich möglichst großen beruflichen Erfolg für ihre Kinder und dafür sehen die meisten Asiaten – so auch die Taiwanesen – sehr gute, am besten muttersprachliche, Englischkenntnisse als wichtigste Voraussetzung. Ein sehr großer Teil der Kinder geht daher bereits vor der Grundschule entweder in einen bilingualen Kindergarten oder nimmt anderweitig Englischunterricht.

Darüber, wie hoch der Bedarf wirklich ist, kann man sich leicht einen Überblick verschaffen, wenn man die Jobangebote der einschlägigen Websites (insb. Tealit.com) oder englischsprachigen Zeitungen überfliegt. Ein Satz, der den durchschnittlichen Europäer mit seiner Vorliebe fürs „British English“ eventuell anfangs irritiert (oder belustigt), ist „North American accent prefered“. Für die meisten Taiwanesen, ist nämlich nur Amerikanisch „richtiges“ Englisch und so suchen auch die Sprachschulen gezielt nach Amerikanern.

Noch anschaulicher kann man sich die Situation mit einem Blick hinter den Hauptbahnhof von Taipei vor Augen führen. Dort wimmelt es geradezu von Nachhilfeschulen, die Englischkurse für jede Altersklasse anbieten. Um sich in diesem Konkurrenzkampf durchsetzen zu können, stellen die Schulen dann noch an jede Ecke junge Leute, die einem Flugblätter mit den neuesten Angeboten für Englischunterricht und die dazugehörigen Prüfungen wie TOEFL, TOEIC, GMAT, GRE und wie sie sonst noch so alle heißen, in die Hand drücken.

Um den hohen Bedarf zu stillen, wurden die Voraussetzungen für ausländische Lehrer in Taiwan entsprechend angepasst: Als englischer Muttersprachler, heißt man kann die Staatsangehörigkeit eines englischsprachigen Landes nachweisen, braucht man von staatlicher Seite her eigentlich nur einen Bachelor (oder gleichwertigen) Abschluss und schon kann die Jobsuche losgehen. Eine Lehrerausbildung (Teaching-Certificate) ist meist nicht erforderlich.

Diese Einfachheit, begleitet von den relativ guten Verdienstmöglichkeiten – Taiwanesen geben für kaum etwas soviel Geld aus wie für die Ausbildung ihrer Kinder – hat über die Jahre geradezu zu einer Schwemme von Englischlehrern geführt, die außer muttersprachlichem Englisch eigentlich keinerlei Voraussetzungen für den Lehrerberuf mitbrachten. Doch auch damit war der Markt nicht zu sättigen, sodass neben Englischmuttersprachlern auch immer mehr Nichtmuttersprachler illegal auf den Mark drängten.

Unter Ausländern in Taiwan ist mittlerweile allgemein bekannt, wer amerikanisch aussieht – das heißt in Taiwan: wer weiß ist – findet immer einen Job als Englischlehrer, auch wenn er sonst keinerlei Qualifikationen nachweisen kann. Darunter leidet natürlich nicht nur die Qualität des Englischunterrichts, aber auch der Ruf, der in Taiwan lebenden Ausländer allgemein. Immer häufiger hört man gerade von taiwanesischen Gesprächspartnern, es kämen ja nur Ausländer nach Taiwan, die es im eigenen Land zu nichts bringen würden und hier wirft man ihnen das Geld nach.

Doch langsam ändert sich die Situation: Der Markt wird enger und damit steigen auch die Anforderungen. Vor allem Sprachschulen in Taipei können unter den vorhandenen Bewerbern frei wählen und so haben es geringqualifizierte Arbeitsuchende immer schwerer. Auch liest man nun häufiger, dass eine Lehrerausbildung und entsprechende Berufserfahrung nicht mehr nur ein Bonus sind, sondern unbedingte Voraussetzung.

Dies wurde meiner Meinung nach aber auch Zeit, denn gerade in den letzten Monaten wurde mir schon mehrfach gratuliert, wenn ich gesagt habe, ich sei kein Englischlehrer. Und das ist nun wirklich schade, schließlich ist Englisch doch eine schöne Sprache und man sollte sich nicht dafür schämen müssen, sie zu lehren, oder?

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Erdbeben und andere wackelige Angelegenheiten

Erdbeben gehören, neben Taifunen, zu den Naturgewalten auf die sich jeder Taiwanbesucher – vor allem jeder Langzeitbesucher – psychisch vorbereiten muss. Doch während Taifune (zumindest in Taipei) kaum für größeren Schrecken sorgen – im Gegenteil: Viele Taiwanesen sehnen einem starken Taiwan und damit einem taifunfreien Tag sogar voller Erwartung entgegen – auch wenn sie dann am freien Tag nichts mit sich anzufangen wissen …

Erdbeben dagegen können im Gegensatz zu Taifunen kaum vorhergesehen werden, ihre Entwicklung kann man weder im Internet noch im Fernsehen beobachten und sich darauf vorbereiten; Erbeben kommen plötzlich, wie aus heiterem Himmel und man kann erst im Moment des Bebens selbst abschätzen, wie stark es wohl werden wird – und genau das macht sie wohl so angsteinflößend.

Ich muss zugeben, ich habe selber zwar noch kein starkes Erdbeben miterlebt – toi, toi, toi – aber auch die vielen kleinen (das stärkste was wohl Stufe 2) haben meinen Bedarf nach mehr längst gestillt. Wir wohnen in Taipei im 12. Stock, und ich spüre daher auch kleinere Beben heftiger als Menschen, die näher am Boden wohnen. Schon bei einem Stärke 1 Erbeben bewegen sich beispielsweise locker in der Küche aufgehängte Utensilien wie Scheren hin und her; Stärke 2 führt noch zusätzlich zu einer leicht quietschenden und knarrenden Geräuschkulisse, die vor allem nachts ganz schön unheimlich sein kann.

Gleichzeitig trifft man immer wieder Leute, die entweder erst sehr kurz in Taiwan sind oder überhaupt noch nie in einem Erdbebengebiet waren, die einem erzählen, wie gern sie doch endlich mal ein richtiges Erdbeben erleben würden. Besonders lustig fand ich beispielsweise einen, zugegebenermaßen noch sehr jungen, Praktikanten in meinem ehemaligen Büro, der die Frage wie er sich denn so ein Erbeben vorstelle ungefähr so beantwortete: „Na ja, ich denk mal, da wird man mal ordentlich durchgeschüttelt … so 30 Minuten lang, schätz ich mal …“ Zum Glück klaffen hier Vorstellung und Realität weit auseinander.

Sicher, ich war auch ziemlich neugierig bevor ich das erste Mal in Taiwan war wie sich so ein Erbeben wohl anfühlen könnte, aber schon nach meinem ersten Mal mitten in der Nacht wußte ich: Davon brauche ich keine weiteren!!! Außerdem bringt die ständige Gefahr eines Erbebens mitsich, dass man beginnt, sich Erdbeben einzubilden. Mir passiert das sogar, wenn ich gar nicht in Taiwan bin und überhaupt keine Erdbebengefahr besteht. Ich sitze dann ganz ruhig auf meinem Sofa oder liege auf dem Bett und bin ganz fest davon überzeugt, dass es gerade bebt. Ich laufe dann sofort zu meinem PC, um nachzusehen, wie stark das Beben nun war, nur um festzustellen, dass die einzige, die mal wieder gebebt hat, ich selber war.

Kurz und gut: Ich hasse Erbeben und das Wohnen im 12. Stock hat nur einen Vorteil: Sollte das 101 bei einem starken Beben tatsächlich doch mal umfallen, von hier aus hätte ich den perfekten Blick für einen CNN i-report.

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Kulturschock?!?

Und immer wieder die gleiche Frage: „Na, hast du nicht einen Kulturschock? Ist doch alles so ganz anders hier …“ Hört man sich die Fragen mancher Leute an, könnte man fast glauben, ich sei plötzlich erstmals an einen der exotischten Orte unseres Planeten gebeamt worden. Doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Ich bin auf Heimaturlaub in unserem kleinen beschaulichen Städtchen mitten in Niedersachen.

Seit dreieinhalb Jahren geht das nun schon so. Jedes Mal wenn ich aus Taipei nach Hause komme, werde ich von allen Seiten gefragt, wie es denn nun sei, hier, in Deutschland, auf dem platten Land. Ob ich mit dem Leben hier überhaupt noch klar käme und überhaupt, wie ich mich denn so fühle, so weit weg von meiner neuen Heimat.

Was soll ich dazu sagen?

Ja, das Leben in Taipei ist ganz anders als das in der niedersächsischen Provinz. Die Sommer sind länger und heißer, die Menschen wärmer und herzlicher, das Essen ist vielfältiger und exotischer. Andererseits ist die Luft schlechter, der Verkehr chaotischer und das Brot schmeckt eher wie Kuchen als wie Brot.

Aber: Nein, ich bin in der Provinz aufgewachsen! Ich kenne den Deutschen Sommer (genau wie Frühling, Herbst und Winter), die rauhe Art der Niedersachen („sturmfest und erdverwachsen“) und ich weiß, dass die Bürgersteige auf dem Land um sechs Uhr abends hochgeklappt werden. Außerdem genieße ich, wenn ich mal zu Besuch bin, die frische Landluft, die leeren Straßen und das knusprige Brot.

Kurz gesagt: Ja, ich komme noch klar mit dem Leben, ich habe keine Verständigungsprobleme und es ist mir auch nichts ungewohnt hier. Ich bin hier aufgewachsen und daran ändern auch 3,5 Jahre im Ausland nichts.

Nein, ich habe keinen Kulturschock!!!

(Den einzigen Schock, den ich habe, ist der Kälteschock, wenn ich in Frankfurt aus dem Flugzeug steige ;o)

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