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Die Bundesländertasche

Es gibt sie in allen Größen, Formen und Farben, aber eins haben sie alle gemeinsam: Sie werden freitags, vorzugsweise vor verlängerten Wochenenden, in viele Büros der österreichischen Hauptstadt geschleppt – die Bundesländertaschen.

Bundesländertaschen

Für jemanden, der nicht sein ganzes Leben in Österreich verbracht hat, ist es ein wundersames Phänomen, das sich vor wohl den meisten Wochenenden des Jahres an vielen Wiener Arbeitsstätten abspielt, wenn sämtliche KollegInnen aus den Bundesländern – und davon gibt es jede Menge – ihre gepackten Taschen mitbringen, um sich nach getaener Arbeit auf dem schnellsten Weg auf in die Heimat zu machen.

Seit ich vor rund fünf Jahren zum Arbeiten wieder nach Wien gezogen bin, ist mir dieses seltsame Treiben an allen Arbeitsplätzen, aber auch im Privatleben aufgefallen – kaum ist das Wochenende eingeläutet, leert sich Wien und die Straßen und Züge nach „außerhalb“ füllen sich. Aber warum?

Wien hat seit Jahrhunderten eine besondere Stellung: Es war als kaiserliche Reichshauptstadt und Residenzstadt der Habsburger sowohl die Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches als auch des Kaisertums Österreich und als einer der beiden Hauptstädte Österreich-Ungarns ein kulturelles und politisches Zentrum Europas. Diese Bedeutung verlieh Wien eine unglaubliche Anziehungskraft und machte aus ihm eine Millionenmetropole.

Heute lebt rund ein Viertel der ÖsterreicherInnen in der Bundeshauptstadt, was aus Österreich – demographisch gesehen – einen Staat mit „Wasserkopf“ macht. Unter den anderen acht Landeshauptstädten, knackt nämlich nur Graz, die zweitgrößte Stadt Österreichs, überhaupt die Zweihunderttausender-Marke. Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass es auch heute noch viele Menschen aus den Bundesländern nach Wien zieht – sei es zum Studium oder zur Arbeitsaufnahme.

Die Frage, warum so viele Bundeslandler in Wien leben, wäre also geklärt. Aber warum wollen sie so schnell wie möglich wieder weg? Die Antwort ist wahrscheinlich so einfach wie erschütternd: Sie mögen Wien nicht. Während die meisten Wiener etwas arrogant auf die „g’scherten vom Land“ herabblicken, eint den Rest Österreichs die Abneigung gegenüber den Wienern (das dürfte, glaubt man einem Krone Artikel, allerdings auch das einzige sein, was die Menschen der acht übrigen Bundesländer eint).

Es bleibt also nur ernüchtert zu resümieren, dass es schlicht die wirtschaftlichen Zwänge sind – und nicht die kulturellen Möglichkeiten und der historische Charme Wiens -, die die Menschen aus den Bundesländern anlocken. Und so ist das Wien-Abenteuer für einen großen Teil der „Zugezogenen“ auch vorbei, wenn die Familienplanung in die finale Phase eintritt und Kinder erwartet werden. Diese, so die weitläufige Meinung, könne man schließlich auf keinen Fall in der Stadt großziehen. Spätestens dann geht es endgültig zurück in die Heimat und zum letzten Mal wird die Bundesländertasche gepackt …

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Lakritzwüste Wien

Als Tochter einer Frau aus Norddeutschland, aufgewachsen nahe der holländischen Grenze, kam ich schon früh mit Lakritz in Berührung und bin seitdem süchtig nach dem „schwarzen Gold“. Ich liebe Lakritz in jeglicher Form: Süß oder salzig, hart oder weich, mit Schokolade, Zucker oder Weingummi umhüllt, als Eis, Alkohol, Tee usw. – mir schmeckt einfach alles!

Während meiner Zeit in Taiwan habe ich mich über 4 Jahre mit regelmäßigen „Care-Paketen“ von Verwandten und Freunden in der Heimat, eigenen Schwarzimporten und dem gelegentlichen Kauen von Süßholzwurzeln über Wasser gehalten, um den Aufenthalt im lakritzefreien Taipei zu überbrücken. Als ich dann wieder nach Wien kam, hoffnungsvoll nun wieder leichter an das Genussmittel meiner Wahl zu kommen, musste ich enttäuscht feststellen, dass sich seit meiner Kindheit nicht viel geändert hat – Wien ist immernoch eine Lakritzwüste!

Gut, ich gebe zu, etwas hat sich schon verändert: In gut sortierten Supermärkten bekommt man mittlerweile wenigstens Haribo Lakritzschnecken, manchmal sogar Katjes Katzenpfötchen oder Rheila Salmiakpastillen, aber dieses äußerst beschränkte Angebot kann einen wahren Lakritzfan jedoch nicht langfristig zufrieden stellen. Um ausgefallenere Lakritzsorten zu ergattern, muss sich der Lakritzliebhaber, will er nicht weiterhin auf Hilfslieferungen aus dem Ausland angewiesen sein,  schon mehr ins Zeug legen und sich in den traditionellen Wiener Zuckerlgeschäften auf die Suche machen.

Als echter „Süchtler“ habe ich selbstverständlich keine Mühen gescheut, um meine Sucht zu befriedigen. Ich habe in zahlreichen Geschäften nach meiner Lieblingssüßigkeit gefragt und erstaunliche, befremdliche und leider auch enttäuschende Antworten enthalten. Mit Freude denke ich immernoch an eine Konversation mit einem Angestellten im Nobelsupermarkt Meindl am Graben. „Salmiakpastillen?!? Sie wollen Salmiak essen??? Mein Gott, Kind, das dürfen Sie doch nicht machen – Sie werden sich ja vergiften!!!“

Letztendlich habe ich aber doch ein paar Plätze gefunden, wo man für meine Leidenschaft Verständnis hat und mich mit meinem Suchtmittel beliefert. Für die schnelle Befriedigung empfehle ich den kleinen Kiosk vor der Hauptuni an der Straßenbahnstation Schottentor (oberirdisch). Hier gibt es eine kleine, aber feine Auswahl an süßer und salziger Lakritz. Wenn man etwas mehr Zeit zum Stöbern investieren kann, sollte man zur „Confiserie zum süßen Eck“ in der Währinger Straße 65 fahren. Dieses Altwiener Zuckerlgeschäft bietet mitten in der österreichischen Lakritzwüste eine ansehnliche Auswahl verschiedenster Lakritzsorten zu moderaten Preisen.

Aber warum gibt es eigentlich so selten Lakritz in Wien? Die einfachste und naheliegendste Antwort auf diese Frage bekommt man, wannimmer man einen Österreicher auf Lakritz anspricht: „Schmeckt scheiße!“ Damit könnte man sich zufrieden geben, aber warum sind sich 8 Millionen Menschen, deren Geschmacksinn doch sonst so vielfältig ist, gerade in dieser Frage so einig?

Eine Erklärung, warum sich Österreich zu einer praktisch lakritzfreien Zone entwickelt hat, behauptet sich recht hartneckig in den Weiten des Internets. Es  ist die des sogenannten „Wiener Lakritzedikts“, das noch heute in Kraft sein soll. Demnach hat der letzte ungarisch-österreichische Kaiser Karl angeblich während seiner kurzen Amtszeit die Einfuhr und den Verzehr von Süßigkeiten mit mehr als 5 % Lakritzanteil verboten. Leider habe ich dazu weder handfeste Daten noch Angaben über die Gründe finden können und so könnte es auch sein, dass das Lakritzedikt eher ins Reich der Urban Legends gehört.

Hilfreicher ist da schon die Theorie über den „Lakritzäquator“.  Werbefachleute haben im Rahmen der Verbrauchs- und Medienanalyse (VuMA) herausgefunden, dass durch Deutschland ein Lakritzäquator verläuft:

„Es gibt einen Lakritzäquator in Deutschland, der ungefähr auf Höhe der Mainlinie verläuft. Nördlich davon essen die Leute gern Lakritz. Hier wird überproportional viel Lakritz konsumiert. In den südlichen Bundesländern hingegen ist der Konsum unterproportional, weil hier viele Leute den typischen Lakritzgeschmack einfach nicht mögen. Über 80 Prozent unseres Lakritz verkaufen wir in Nordrhein-Westfalen und den nördlichen Bundesländern.“

(Heiner Wolters, Pressesprecher Katjes FASSIN GmbH & Co. KG)

Basis BRD Gesamt, Konsum Lakritz mehrmals pro Woche, Affinitätsindex

Warum dies so ist, lässt sich nicht so leicht beantworten, aber die aufgestellten Theorien begründen sich beide mit der geographischen Lage, und deshalb lassen sie sich eventuell auch auf Österreich erweitern. Die erste Theorie  behauptet, der Grund dafür, dass die „Nordlichter“ lieber Lakritz ässen, liege in der christlichen Seefahrt: Über die großen Häfen im Norden kamen die Norddeutschen viel früher mit Lakritz in Berührung als ihre Landsleute im Süden und erkannten, dass sie ein gutes Überlebensmittel im Kampf gegen Hunger und Durst war. Die zweite Theorie, die meiner Meinung nach deutlich plausibler scheint, sieht den höheren Lakritzkonsum im Norden in der salzigen Meeresluft begründet: Entlang der Küsten wurde deutlich salziger gekocht und so empfanden die Menschen Salzlakritz als sehr wohlschmeckend als sie ihnen zum ersten Mal angeboten wurde.

Endgültig wird sich die Frage wohl leider nicht klären lassen, aber letztere Theorie stimmt zumindest mit der Tatsache überein, dass in den Küstenregionen und Nordeuropa die salzige Variante bevorzugt wird, während man im restlichen Europa, wenn überhaupt, eher süße Lakritze bevorzugt.

Dem Lakritzfan in der Wiener Lakritzdiaspora bleibt also derweil nur die Hoffnung, dass auch die Wiener irgendwann der Lakritze ihr Herz öffnen und bis dahin den Import des „schwarzen Goldes“ selbst in die Handzu nehmen!

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Best Hot Pot in Town – Liounge

– Leider hat dieses tolle Lokal mittlerweile zugesperrt. An selber Stelle hat Ende 2014 der Nachfolger, Mama Liu and Sons, eröffnet. –

Oh, wie ist es kalt geworden
und so traurig, öd und leer?
Rauhe Winde wehn von Norden,
und die Sonne scheint nicht mehr.

– Hoffman von Fallersleben –

Genau die richtige Zeit für einen gemütlichen Abend mit einem leckeren Topf heißer Suppe. Das denkt man auch in China. Mit dem Beginn der kalten Jahreszeit fängt in China auch die Hot Pot-Saison an.

Wer in Wien, fernab aller chinesischer Garküchen, diesem Genuss auf typisch chinesische Art und Weise fröhnen möchte, sollte zur Liounge in der Gumpendorferstraße kommen. Hier gibt es zu angemessenen Preisen  köstlichen und äußerst authentischen Hot Pot,  was man vor allem am vorwiegend chinesischen Publikum erkennt.

Das ganze funktioniert ziemlich ähnlich wie Fondue: Zuerst wählt man seine Suppen, die dann in einem schicken ying-yang-förmigen Metalltopf auf einer Gaskochplatte kommen. Dazu bestellt man pro Person eine warme Vorspeise und nach belieben hauchdünn geschnittene Fleischeinlage. Dann gehts auf zum schier unerschöpflichen Buffet. Hier gibt es wirklich alles, was das Herz begehrt: Gemüse, Nudeln, Meeresfrüchte, kalte Vorspeisen, Soßen und und und. Neben sehr chinesischen Leckerbissen, wie fein aufgeschnittene Schweineöhrchen und Mägen von unterschiedlichen Tierchen für den Gast aus Fernost, kommt auch der weniger experimentierfreudige Esser vollständig auf seine Kosten. Selbstverständlich kann man hier zugreifen so oft man will.

Außer den kalten Vorspeisen kann alles in der Suppe versenkt und gegart werden. Zum wieder Rausfischen gibt es spezielle Löffel – ansonsten wird natürlich mit Stäbchen geschmaust und zwar so lange und soviel wie es der eigene Magen zulässt. Besonders zu empfehlen, ist der frische Spinat, der, kurz gekocht und in Erdnuss-Soße getunkt, einfach himmlisch schmeckt!

Fazit: Die Liounge ist ideal um bei kaltem Winterwetter einen gemütlichen Abend in angenehmer und entspannter Atmosphäre, leckerem Essen und gutem Service zu verbringen. Am besten bringt man ein paar Freunde mit, denn je mehr Leute, desto lustiger der Abend und desto abwechslungsreicher und bunter wird der Hot Pot!

Liounge
Gumpendorfer Str. 29
1060 Wien
 
 
Map
 
 

– Achtung! Besonders am Wochenende unbedingt reservieren! –

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Händeschütteln am Nationalfeiertag

Seit 1965 begeht Österreich jedes Jahr am 26. Oktober seinen „Nationalfeiertag“ – von 1955-1964 „Tag der Fahne“ genannt. Historischer Hintergrund dieses Tages ist die Unterzeichnung des Staatsvertrages am 15. Mai 1955, gemäß dem alle Besatzungstruppen innerhalb einer Frist von 90 Tagen ab Vertragsunterzeichnung österreichisches Hoheitsgebiet verlassen müssen. Diese Frist endete am 25. Oktober 1955. Damit war der 26. Oktober der erste Tag, an dem keine fremden Truppen mehr in Österreich stehen durften. Außerdem beschloss Österreich an diesem Tag die immerwährende Neutralität.

In Wien beginnt das Österreichische Bundesheer diesen Tag mit der Angelobung. Am Abend richtet sich der Bundespräsident mit einer Fernsehansprache an alle Österreicher. Thema dieses Jahr: Das Bleiberecht für gut integrierte Zuwandererfamilien. Darüber hinaus finden zahlreiche Aktivitäten und Veranstaltungen statt: Die Bundesmuseen können gratis besichtigt werden, auf dem Heldenplatz stellen sich verschiedene Einheiten des Bundesheeres samt Gerätschaften vor, was vor allem massenweise Kinder anzieht.

Für mich persönlich sind Rituale sehr wichtig und obwohl ich erst zum zweiten Mal den Nationalfeiertag in Wien bewusst erlebe, habe ich bereits ein „Nationalfeiertags-Ritual“ entwickelt: Kokosschaumbecher essen 😛

Und weil das noch nicht reicht, bin ich dabei ein zweites zu entwickeln: Als besonderes Highlight veranstalten Parlament, Bundeskanzleramt und Präsidentschaftskanzlei am 26. Oktober einen „Tag der offenen Tür“, bei dem man berühmten Menschen das Händchen schütteln kann. Dieses Jahr habe ich mir den Bundeskanzler Werner Faymann ausgesucht. Nächstes Jahr wirds vielleicht unser Bundes-Heinzi werden. Mal sehen …

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Sleeping Dragon is back

In den letzten eineinhalb Jahren hat sich viel verändert. Im Sommer 2009 habe ich nach exakt 4 Jahren und 3 Monaten entschieden, dass ich jetzt lange genug in Taiwan war und bin nach Europa zurückgekehrt. Meine Zeit am anderen Ende der Welt war geprägt von Höhen und Tiefen – ich habe viel gelernt, meinen Horizont erweitert, tolle Leute getroffen und unvergessliche Erfahrungen gemacht.

Die Eingewöhnung in die neue alte Heimat war anstrengend und hat mich vor Herausforderungen gestellt, die ich nie erwartet hätte. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass man sich Zuhause manchmal fremder fühlen kann als in der Fremde und manchmal hätte ich am liebsten meine Koffer gepackt und wär zurück nach Taiwan geflogt.

Aber jetzt – 1 Jahr und 3 Monate später – weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war und bin fest entschlossen, auch in Zukunft wieder meine Erlebnisse, Erkenntnisse und Verwirrungen mit der Welt zu teilen.

Sleeping Dragon@Vienna

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Bewegt sich der Berg nicht, bewegt sich die Straße

… bewegt sich die Straße nicht, bewegt sich der Mensch; bewegt sich der Mensch nicht, bewegt sich das Herz.

 

 

Das ist das Motto einer Anti-Selbstmord-Kampagne in Taiwan. Jeden Tag, wenn ich von der Uni nach Hause fahre, steige ich an der MRT-Station Shandao Temple in die Bahn Richtung Kunyang, und genau dort hängt das Plakat mit obigem Text sowie dem Zusatz: „Denk noch zwei Minuten nach – du musst dich nicht umbringen!“

Das tägliche Warten direkt vor dieser Anzeige hat mich nachdenklich gemacht und für dieses Thema sensibilisiert. Mir ist schon früher aufgefallen, dass Taiwanesen scheinbar lockerer über Selbstmord sprechen als Deutsche und ihn auch häufiger offen als „Lösung“ für Probleme in Betracht ziehen.

Schon im ersten Monat in Taiwan kam meine Lehrerin während des Chinesischunterrichts – ich hatte Einzelunterricht – auf ihre derzeitige Lebenssituation zu sprechen und meinte dann ganz beiläufig, wenn sie das alles nicht geregelt kriegt, könne sie sich immer noch umbringen. Ich war total sprachlos. Ihr lapidarer Kommentar: „Ja, ja, wir sind hier keine Christen, wir dürfen uns umbringen!“ Und fuhr dann einfach fort: „Weißt du, welche Selbstmordmethode in Taiwan besonders beliebt ist?“ Ich wusste es natürlich nicht.

Die Antwort: Grillkohle. Und warum ist die Methode so beliebt? Weil die Leichen später so schön aussehen: Die Körper sind völlig intakt, das Gesicht ist entspannt – nicht durch den Todeskampf entstellt – und die Wangen sind leicht gerötet. Man möchte schließlich nicht hässlich aufgefunden werden.

Diese „rationale“ Einstellung zusammen mit den öffentlich geförderten Anti-Selbstmord-Kampagnen, die die Menschen im Alltag aufrütteln sollen, drängten mich dann doch dazu, einigen Fragen nachzugehen: Wie hoch ist Selbstmordrate in Taiwan wirklich? Und warum bringen sich Taiwanesen um?

Ich hab dann mal ein bisschen im Internet recherchiert und hier kommen meine Ergebnisse: Aus einem Artikel der Taiwan News vom 12. September 2008 geht hervor, dass das die Selbstmordrate Taiwans seit 10 Jahren stetig ansteigt und im Jahr 2007 bei 17.2 Selbstmorden unter 100.000 Einwohnern lag (Quelle: DOH); zum Vergleich: In Deutschland nahmen sich 2006 ca. 11,87 Menschen/100.000 Einwohnern das Leben.

Zwar gab es 2007 eine leichte Erholung gegenüber 2006 und es brachten sich rund 450 Menschen weniger um als im Vorjahr, trotzdem entschieden sich letztes Jahr in Taiwan noch insgesamt 3.933 Menschen vorzeitig aus dem Leben zu treten. 3.933 Selbsmorde innerhalb eines Jahres: Das ist in etwa 1 Selbstmord alle zwei Stunden oder 10,7 Selbstmorde pro Tag. Besonders betroffen sind dabei alte Menschen und Jugendliche (15-24 Jahre). Unter letzteren ist die Selbstmordrate trotz allgemeiner Erholung sogar weiter angestiegen. Erschreckend ist vor allem, dass sich unter den Selbstmördern 2007 auch fünf Kinder zwischen 10 und 14 Jahren befanden.

Als Gründe für die Selbstmorde nennt die Taipei Times (2. Juli 2006) in erster Linie Arbeitslosigkeit, aber auch soziale Isolation, Arbeitsbelastung, Depressionen und das Fehlen von Auffangnetzwerken für Selbstmordgefährdete (Quelle: DOH). Gerade an letzterem will die Regierung jetzt arbeiten.

Insgesamt gesehen eine schreckliche Bilanz und die derzeitige Finanzkrise, die mittlerweile auch Taiwan erreich hat, wird sicher noch das ihrige Tun, um weitere Menschen in den Tod zu schicken …

Nach solchen Zahlen sieht man die allgemeine Heiterkeit und Freundlichkeit der Taiwanesen irgendwie mit ganz anderen Augen und fragt sich: Welche Tragödien verbergen die Leute wohl hinter ihrem steten Lächeln?

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“North American accent prefered”

Englischlehrer ist DER Beruf für Ausländer in Taiwan, das habe ich eigentlich schon ziemlich am Anfang meines Aufenthaltes hier bemerkt. Nicht nur, dass jeder zweite Ausländer auf die Frage, was er denn in Taiwan so mache, antwortet: „Englisch unterrichten, natürlich!“ Auch der überwiegende Teil der Taiwanesen nimmt beim Anblick eines (weißen) Ausländers automatisch an, einen Englischlehrer vor sich zu haben.

Dass dies so ist, liegt sicher in erster Linie an dem unglaublich hohen Bedarf an muttersprachlichen Englischlehrkräften: Alle Eltern wünschen sich möglichst großen beruflichen Erfolg für ihre Kinder und dafür sehen die meisten Asiaten – so auch die Taiwanesen – sehr gute, am besten muttersprachliche, Englischkenntnisse als wichtigste Voraussetzung. Ein sehr großer Teil der Kinder geht daher bereits vor der Grundschule entweder in einen bilingualen Kindergarten oder nimmt anderweitig Englischunterricht.

Darüber, wie hoch der Bedarf wirklich ist, kann man sich leicht einen Überblick verschaffen, wenn man die Jobangebote der einschlägigen Websites (insb. Tealit.com) oder englischsprachigen Zeitungen überfliegt. Ein Satz, der den durchschnittlichen Europäer mit seiner Vorliebe fürs „British English“ eventuell anfangs irritiert (oder belustigt), ist „North American accent prefered“. Für die meisten Taiwanesen, ist nämlich nur Amerikanisch „richtiges“ Englisch und so suchen auch die Sprachschulen gezielt nach Amerikanern.

Noch anschaulicher kann man sich die Situation mit einem Blick hinter den Hauptbahnhof von Taipei vor Augen führen. Dort wimmelt es geradezu von Nachhilfeschulen, die Englischkurse für jede Altersklasse anbieten. Um sich in diesem Konkurrenzkampf durchsetzen zu können, stellen die Schulen dann noch an jede Ecke junge Leute, die einem Flugblätter mit den neuesten Angeboten für Englischunterricht und die dazugehörigen Prüfungen wie TOEFL, TOEIC, GMAT, GRE und wie sie sonst noch so alle heißen, in die Hand drücken.

Um den hohen Bedarf zu stillen, wurden die Voraussetzungen für ausländische Lehrer in Taiwan entsprechend angepasst: Als englischer Muttersprachler, heißt man kann die Staatsangehörigkeit eines englischsprachigen Landes nachweisen, braucht man von staatlicher Seite her eigentlich nur einen Bachelor (oder gleichwertigen) Abschluss und schon kann die Jobsuche losgehen. Eine Lehrerausbildung (Teaching-Certificate) ist meist nicht erforderlich.

Diese Einfachheit, begleitet von den relativ guten Verdienstmöglichkeiten – Taiwanesen geben für kaum etwas soviel Geld aus wie für die Ausbildung ihrer Kinder – hat über die Jahre geradezu zu einer Schwemme von Englischlehrern geführt, die außer muttersprachlichem Englisch eigentlich keinerlei Voraussetzungen für den Lehrerberuf mitbrachten. Doch auch damit war der Markt nicht zu sättigen, sodass neben Englischmuttersprachlern auch immer mehr Nichtmuttersprachler illegal auf den Mark drängten.

Unter Ausländern in Taiwan ist mittlerweile allgemein bekannt, wer amerikanisch aussieht – das heißt in Taiwan: wer weiß ist – findet immer einen Job als Englischlehrer, auch wenn er sonst keinerlei Qualifikationen nachweisen kann. Darunter leidet natürlich nicht nur die Qualität des Englischunterrichts, aber auch der Ruf, der in Taiwan lebenden Ausländer allgemein. Immer häufiger hört man gerade von taiwanesischen Gesprächspartnern, es kämen ja nur Ausländer nach Taiwan, die es im eigenen Land zu nichts bringen würden und hier wirft man ihnen das Geld nach.

Doch langsam ändert sich die Situation: Der Markt wird enger und damit steigen auch die Anforderungen. Vor allem Sprachschulen in Taipei können unter den vorhandenen Bewerbern frei wählen und so haben es geringqualifizierte Arbeitsuchende immer schwerer. Auch liest man nun häufiger, dass eine Lehrerausbildung und entsprechende Berufserfahrung nicht mehr nur ein Bonus sind, sondern unbedingte Voraussetzung.

Dies wurde meiner Meinung nach aber auch Zeit, denn gerade in den letzten Monaten wurde mir schon mehrfach gratuliert, wenn ich gesagt habe, ich sei kein Englischlehrer. Und das ist nun wirklich schade, schließlich ist Englisch doch eine schöne Sprache und man sollte sich nicht dafür schämen müssen, sie zu lehren, oder?

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